Basel: Der Geist, der stets zerstört

Bärfuß nach Stendhal «Julien», Thiemo Strutzenberger «Wiederauferstehung der Vögel»

Theater heute - Logo

Julien stürzt hart. Blutig der Schädel und das Hemd, so findet der Abbé den Burschen am Boden. Juliens Vater hat wieder zugeschlagen. Mit dem ­Buchrücken, den er Julien entriss, weil ein Brettersägersohn seiner Ansicht nach keine Flausen im Hirn braucht, sondern Schwielen an den Händen. Weil aber der Abbé ein Herz für kluge Köpfe hat, rafft er dieses Bündel verstoßene Jugend zu einem Menschen zusammen. Verschafft ihm die Hauslehrerstelle beim Bürgermeister.

Und Julien? Der wird lernen, so brutal zu denken, so hart zu handeln, wie er gestürzt ist.

Sein sagenhaftes Gedächtnis, gepaart mit heimlicher Bewunderung für einen verfemten Hasardeur wie Napoleon Bonaparte, beschleunigt seinen Aufstieg. Dieser junge Mann nutzt jede Leiter. Sein blasses Wesen tarnt ihn dabei perfekt. Er geht aufs Ganze. Immer. 

Wir sind hier bei Lukas Bärfuß, der auf allen literarischen Kanälen endgültig als einer der gewichtigsten Schweizer Autoren wahrgenommen wird. Und wir sitzen im Schauspielhaus Basel, das auftragsgemäß «Julien» uraufführt, die von Bärfuß sauber adaptierte Theaterfassung des Romans «Rot und Schwarz». Das heißt: tiefstes 19. Jahrhundert, opulente Jacquardmuster an Wänden und Körpern, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2020
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Theaterbauten: Mehr Öffentlichkeit im Filetstück

Jetzt kommt der Glaskasten also weg. Seit Jahren ist bekannt, dass die Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Frankfurt marode ist. Das markante Gebäude am Willy-Brandt-Platz beherbergt Oper wie Schauspiel, hinter seiner 120 Meter langen Glasfront von 1963 vereinigt es hundert Jahre Baugeschichte – ein Haus, das immer wieder teilsaniert und erweitert wurde. Im...

Kassel: Wer weiß?

Von dieser Welt sind sie wohl nicht: Die vier Personen, die die Bühne bevölkern – sie sind derart grün im Gesicht und an den sichtbaren Extre­mitäten, als wären sie schon ein paar Mal gestorben. Zwei Männer in Weiß, Mediziner womöglich oder forschende Wissenschaftler, kommen Familie Grün besuchen – und gehen schließlich verschütt in den Labyrinthen und dunklen...

Frankfurt: Zur Hölle mit den anderen

«Die Hölle, das sind – die, die – die anderen.» Da ist es endlich, in der Mitte des Stücks, sein bekanntestes Zitat. Verstammelt, verdruckst. Es klingt fast wie eine Frage, weniger wie eine Feststellung. Denn die Hölle, das ist in der Bühnen-Interpretation von Johanna Wehner, jede*r auch sich selbst. In einem höllisch undurchsichtigen Jenseits führte Jean-Paul...