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Freie Szene unter Druck: Köln knickt ein freies Produktionshaus, in Berlin setzt der Hauptstadtfinanzierungsvertrag auf die großen Tanker

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In den 1990er Jahren gab es in Köln einen zum Gegenstand vieler Folklore gewordenen Skandal. Um den Bau einer neuen Müllverbrennungsanlage zu erwirken, ließen mehrere Unternehmen knapp eine halbe Million Mark Parteispenden an die Kölner SPD fließen. Selbstverständlich tauchte das Geld nie in den Rechenschaftsberichten der Partei auf – ein Vorgang, der zwei Kommunalpolitikern am Ende Haftstrafen wegen Bestechlichkeit und der Stadt eine schillernde Episode in der langen Geschichte des Kölschen Klüngels einbrachte.

Heute muss man zum Glück selbst in Köln niemanden mehr bestechen, um privatwirtschaftliche Interessen auch politisch durchzusetzen. Derart klamm sind die öffentlichen Kassen, dass sich die Politik ohne jeden Widerstand selbst aus lange gegebenen Versprechen rauskaufen lässt. So zu beobachten am aktuellen Beispiel des Kölner Depots. Die Hallen im Stadtteil Mülheim, die während der endlosen Jahre der Schauspielhaus-Sanierung als dessen Ausweichquartier dienten, hätten laut Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2023 nach Rückkehr der Kölner Bühnen an den Offenbachplatz ein zweites Leben bekommen sollen. Als groß angelegte Kooperation zwischen dem Schauspielhaus sowie der freien Tanz- und Performance-Szene wäre im Depot eine bundesweit einzigartige Struktur entstanden. Das Schauspielhaus hätte eine zusätzliche Spielstätte und die Freie Szene die so dringend benötigten Proben- und Aufführungsräume bekommen.

Auf wechselseitige Synergieeffekte durfte man berechtigt hoffen. Weil aber die Stadt sich den Betrieb der ambitionierten Struktur inzwischen nicht mehr leisten konnte, hatte sie das Depot zunächst zur Hälfte und nun vollständig dem milliardenschweren Unternehmer Frank Blase zur Bespielung angeboten, der hier seine erfolgreichen Musicals auf die Bühne bringen will. Blase bedankt sich mit einer Millionenspende und mehreren Spielterminen bei der Freien Szene, die sich nun aber denkbar veräppelt fühlt. Dass in der Zwischenzeit Stellen für den Betrieb des Depots geschaffen worden waren, die nun wieder abgewickelt werden sollen, gehört auch zu diesem nicht Müll-, sondern Geldverbrennungsskandal.

Repräsentativer Zentralismus
Gleichzeitig ist der Kölner Fall nur der hervorstechendste im aktuellen Umgang mit den Belangen der Freien Szene. Zwischen Spardruck, rechtem Vormarsch und einer in diesem Krisengefüge nicht zu Experimenten aufgelegten Kulturpolitik geht es für die vulnerable und kleinteilige Szene nämlich zunehmend um die Existenz. In Berlin, wo bundesweit die meisten freien Künstler und Gruppen ihren Arbeitsschwerpunkt haben, wurde mit der Neugestaltung des Hauptstadtkulturfonds zuletzt ebenfalls kein Leucht -signal in den Nachthimmel geschickt, im Gegenteil. Der Fonds, der Bundesmittel an wichtige Einzelprojekte unterschiedlichster Sparten in der Hauptstadt vergibt, soll zwar im Volumen von 15 Millionen Euro pro Jahr stabil bleiben, zwei Millionen davon soll aber künftig das Land Berlin berappen und so vor allem regelmäßig stattfindende Festivals mitfinanzieren.

Was dabei völlig klar ist: In Zeiten unabsehbar steigender Produktionskosten und Inflation bedeutet eine solche Nullrunde in Wahrheit eine Kürzung und damit das Gegenteil von Stabilität. Dagegen protestieren nun zentrale Akteure der Berliner Freien Szene, die Tanz und Performance ab 2028, wenn der neue Hauptstadtfinanzierungsvertrag in Kraft tritt, langfristig unterfinanziert sehen. Dieser neue Hauptstadtfinanzierungsvertrag – quasi der Rahmenvertrag für die kommenden zehn Jahre, unter dem auch der Hauptstadtkulturfonds geregelt ist – war Mitte September zwischen Berlin und dem Bund unterzeichnet worden und ließ die Verhandlungspartner einigermaßen triumphal betonen, die Unterstützung für Berlin werde fortan «deutlich ausgebaut». Wer in Berlin hierbei als ganz besonders unterstützenswert betrachtet wird, auch darüber ließen die Unterzeichner in ihren Pressestatements keine Zweifel: Opernstiftung, Phil -harmoniker, Bauhaus-Erbe und andere traditionell eh schon Gutgestellte sollen mehr bekommen, Begriffe wie «Theater» oder gar «Produktionshaus» werden in der offiziellen Meldung nicht einmal genannt. Das Vertrauen der Politik scheint den großen Tankern zu gehören, von denen man am ehesten erwartet, der rauer werdenden See zu trotzen.

Es sind solche Zeiten des Mangels und der Krise, in denen schon immer der Ruf nach Bündelung und dem vermeintlich Wesentlichen lauter wurde. Die Freie Szene steht dieser neuen kulturpolitischen Tendenz zum repräsentativen Zentralismus ihrem Wesen nach völlig entgegen. Das sollte sie jetzt trotz schlechter Signale nicht aufgeben. Aber sie wird sich anders wappnen müssen. Sie muss auf rechtlich verbindliche Zusagen bestehen und Interessenvertreter benennen, die sich nicht leicht übergehen lassen. Sie wird sich noch weiter über Sparten und Städte hinweg organisieren und Bündnisse auch mit anderen Kulturinstitutionen schließen müssen, um gemeinsam politischen Druck aufzubauen. Die Tage des gutgläubigen Vertrauens scheinen gezählt, anders als noch in der Pandemie ist jetzt kein Rettungsschirm in Sicht. Es geht tatsächlich schon wieder und vielleicht mehr denn je ums Überleben.


Theater heute November 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Janis El-Bira

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