Jenseits der Komfortzone
Er ermordet seinen Vater, verheiratet sich mit seiner Mutter, bringt als König die Seuche übers Land. An der Schuldfrage kommt Ödipus selbst so wenig vorbei wie alle, die sich mit seinem Drama beschäftigen, namentlich in der Ausformulierung durch Sophokles. Nicolas Stemann beantwortet sie ungefähr in der Mitte seiner Zürcher Inszenierung mit aller denkbaren Deutlichkeit, bei Saallicht und direkt an einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer adressiert: «Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld» etc.
Und am Ende des Abends richtet er alle Scheinwerfer voll aufgedreht auf die Publikumsaugen, um die Erfahrung einer Blendung aktuell zu machen. Es schmerzt, der Schuld ins Auge zu schauen.
Darunter geht’s bei Stemann nun mal nicht. Die teutonische Überdeutlichkeit erweist umgekehrt aber auch, wie filigran der Abend im Übrigen gearbeitet ist. Stemann erzählt den Stoff in seiner eigenen Fassung – die sich etwas altväterisch-gräzistisch «Ödipus Tyrann» nennt – erzählt aus der Perspektive von Ödipus’ Töchtern Antigone und Ismene. Es gibt nur sie beide auf der Bühne. In einem hinzugefügten Prolog bringen sie die Schuldfrage aus feministischer Sicht auf und beleuchten das Rätsel der Sphinx ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Andreas Klaeui
Und dann spucken die Nebelmaschinen noch mehr Dampf aus. Rotes Licht legt sich darunter, eine embryoartige Vorhölle, in der ich mich den Bässen hingebe. Nur schemenhaft sind die Darsteller in ihren historischen Amish-People-Kostümen noch zu erkennen, von statuarischer Schönheit und manchmal ekstatischer Gemeinschaft. Zwei halten eine, die sich nach hinten zuckend...
Irgendwann steht Jens Harzer an der Rampe und erzählt Naturwissenschaftler-Witze. «Was soll man machen, wenn man ein hellgrünes Alien sieht? Warten, bis es reif ist.» Dann lacht er affek -tiert, und die Zuschauer:innen im Hamburger Thalia Theater lachen freundlich mit. Das gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie viel das Publikum Robert Wilson zu vergeben bereit...
«Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»
Heinz von Foerster
Wir sind hier im Theater, und da hat die Wahrheit ihre Grenzen», sagt der Theaterdirektor in Pi -randellos Stück «Sechs Personen suchen einen Autor». Das gilt natürlich erst recht für das «Theatre of War», wie man im Englischen den Kriegsschauplatz bezeichnet. Dort stirbt bekanntlich die Wahrheit zuerst....
