Jenseits der Komfortzone

Im Schauspiel Zürich teilen sich zwei Schauspielerinnen «Ödipus Tyrann», mischen sich Trolle ins Publikum, und eine Hausregisseurin zieht weiter

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Er ermordet seinen Vater, verheiratet sich mit seiner Mutter, bringt als König die Seuche übers Land. An der Schuldfrage kommt Ödipus selbst so wenig vorbei wie alle, die sich mit seinem Drama beschäftigen, namentlich in der Ausformulierung durch Sophokles. Nicolas Stemann beantwortet sie ungefähr in der Mitte seiner Zürcher Inszenierung mit aller denkbaren Deutlichkeit, bei Saallicht und direkt an einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer adressiert: «Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld» etc.

Und am Ende des Abends richtet er alle Scheinwerfer voll aufgedreht auf die Publikumsaugen, um die Erfahrung einer Blendung aktuell zu machen. Es schmerzt, der Schuld ins Auge zu schauen. 

Darunter geht’s bei Stemann nun mal nicht. Die teutonische Überdeutlichkeit erweist umgekehrt aber auch, wie filigran der Abend im Übrigen gearbeitet ist. Stemann erzählt den Stoff in seiner eigenen Fassung – die sich etwas altväterisch-gräzistisch «Ödipus Tyrann» nennt – erzählt aus der Perspektive von Ödipus’ Töchtern Antigone und Ismene. Es gibt nur sie beide auf der Bühne. In einem hinzugefügten Prolog bringen sie die Schuldfrage aus feministischer Sicht auf und beleuchten das Rätsel der Sphinx ...

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Theater heute 11 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Andreas Klaeui

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