Begegnungsstätte mit Bibliothek
Und dann spucken die Nebelmaschinen noch mehr Dampf aus. Rotes Licht legt sich darunter, eine embryoartige Vorhölle, in der ich mich den Bässen hingebe. Nur schemenhaft sind die Darsteller in ihren historischen Amish-People-Kostümen noch zu erkennen, von statuarischer Schönheit und manchmal ekstatischer Gemeinschaft. Zwei halten eine, die sich nach hinten zuckend bis zum Boden raved. Ich gehöre nicht dazu und wiederum doch in einem allumfassenden, menschlichen Sinn, der alles vereint, was irgendwie Haut und Knochen hat.
Es ist auf jeden Fall eine entgrenzende Erfahrung, am dritten Teil von «Respublika» des Litauischen Nationaltheaters teilzunehmen. So weit haben es einst SIGNA nicht getrieben. Oder doch? Der Regisseur, Videokünstler und Raver Łukasz Twarkowski hat sein Re-Enactment und Utopie-Experiment auch zur Ruhrtriennale 2022 gebracht. Am Anfang ist es ziemlich schwer, sich zurechtzufinden, trotz Din-A4-Gebrauchsanweisung; ziemlich planlos streift man durch die aufgebauten Häuschen in der Bochumer Jahrhunderthalle: hier eine für alle geöffnete Sauna (ich traue mich nicht hinein) samt Eiswürfelbassin, da eine Küche, dort ein Schlafzimmer, wo zwei Performerinnen kuscheln. Aber ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Festivals, Seite 32
von Dorothea Marcus
Ist also nun «Gas» von Georg Kaiser das Stück der Stunde? Immerhin hört man da Sätze, die ohne große Not auf die derzeitige brenzlige weltpolitische Schieflage bezogen werden können; Krieg, Abhängigkeit, Lieferstopp – alles drin: «Die gesamte Rüstungsindustrie ist auf Gas eingerichtet. Das Fehlen dieses Betriebsstoffes würde die Fabrikation des Waffenmaterials auf...
Eine Frau hält sich ein Papier vors Gesicht und in die Kamera, darauf handgeschrieben: «Diese Sendung dauert eine Stunde. Für die weiblichen Schriftsteller sind davon 10 Minuten reserviert. 760 Frauen wurden angeschrieben. Daher bleiben für mich ca. 0,8 Sekunden. Betrachten Sie mich JETZT!» Die Frau lässt das Papier sinken, 0,8 Sekunden ist sie zu betrachten:...
Immer wenn es das Establishment mit Gier, Ressentiment und Gewinnmaximierung auf die Spitze treibt – und dabei an seine Grenzen stößt –, wird die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht Law and Profit bedient, sondern Fantasie, Gemeinschaftssinn, mitunter auch Rausch und Wahn, besonders groß. Wie ein solches Außen entspannter Anarchie und sorgefreien Dahinlebens zu...
