Kolumne: Lob der kognitiven Dissonanz

Mit der vergangenen Ausgabe haben wir die «Theater heute»-Kolumne wieder aufgenommen, in der wechselnde Autor:innen für jeweils zwei oder drei Ausgaben zu Themen ihrer Wahl schreiben. Es beginnt der Dramaturg, Theatertheoretiker und Berliner Volksbühnen-Urgestein Carl Hegemann.

Theater heute - Logo

«Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»
Heinz von Foerster

Wir sind hier im Theater, und da hat die Wahrheit ihre Grenzen», sagt der Theaterdirektor in Pi -randellos Stück «Sechs Personen suchen einen Autor». Das gilt natürlich erst recht für das «Theatre of War», wie man im Englischen den Kriegsschauplatz bezeichnet. Dort stirbt bekanntlich die Wahrheit zuerst. Aber Wahrheit ist wahrscheinlich sowieso eine Chimäre. Denn sie braucht eine höhere Instanz, die sie garantiert. Und diese höhere Instanz ist mit dem Tod Gottes (am Kreuz?) verschwunden.

Als Nietzsche, der fröhliche Wissenschaftler, den Tod Gottes verkündete, war ihm bewusst, dass dies ein «ungeheures Ereignis» war. Und er fragte, wie man sich trösten kann, «wenn man das Heiligste und Mächtigste, das die Welt bisher besaß», umgebracht hat. «Welche heiligen Spiele, welche Sühnefeiern werden wir erfinden müssen?» 

Aber das Publikum grinste nur und ließ sich nichts anmerken. Dass mit dem Tod Gottes auch die Wahrheit zu Grabe getragen wurde, merkte es gar nicht. Nietzsches Einsicht, dass es keine wahre Welt gibt, sondern wir uns eine Welt zurechtmachen, «die uns wahr heißen soll», und zwar nach Maßgabe von Nützlichkeit und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Carl Hegemann

Weitere Beiträge
Tyrannenstudien

In der ehemaligen Telux-Glasfabrik ist längst der Kulturbetrieb eingezogen. Das postindustrielle Lounge-Ambiente der Hafenstube beherbergt seit 2017 ein Soziokulturelles Zentrum, gegenüber gedeihen in Hochbeeten Kürbis und Mangold, und zu den bescheidenen Überresten der hier noch ansässigen Glasindustrie gesellen sich Kreativunternehmen wie Holzschmiede und...

«Die Zuschauer sollen auf keinen Fall frieren»

Ist also nun «Gas» von Georg Kaiser das Stück der Stunde? Immerhin hört man da Sätze, die ohne große Not auf die derzeitige brenzlige weltpolitische Schieflage bezogen werden können; Krieg, Abhängigkeit, Lieferstopp – alles drin: «Die gesamte Rüstungsindustrie ist auf Gas eingerichtet. Das Fehlen dieses Betriebsstoffes würde die Fabrikation des Waffenmaterials auf...

Die Frau, die sich traut

Das musste ja mal passieren. Der stets so prall von Touristenbussen befüllte Friedrichstadt-Palast, dieser gigantische Berliner Revuetempel, gibt seinen Spitzenplatz ab. Jetzt darf auch mal die so oft verschriene Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Nummer eins sein. Noch mehr «ausverkauft» und noch mehr Applaus geht wirklich nicht. Auch wenn «Kein Applaus für...