Kolumne: Lob der kognitiven Dissonanz
«Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»
Heinz von Foerster
Wir sind hier im Theater, und da hat die Wahrheit ihre Grenzen», sagt der Theaterdirektor in Pi -randellos Stück «Sechs Personen suchen einen Autor». Das gilt natürlich erst recht für das «Theatre of War», wie man im Englischen den Kriegsschauplatz bezeichnet. Dort stirbt bekanntlich die Wahrheit zuerst. Aber Wahrheit ist wahrscheinlich sowieso eine Chimäre. Denn sie braucht eine höhere Instanz, die sie garantiert. Und diese höhere Instanz ist mit dem Tod Gottes (am Kreuz?) verschwunden.
Als Nietzsche, der fröhliche Wissenschaftler, den Tod Gottes verkündete, war ihm bewusst, dass dies ein «ungeheures Ereignis» war. Und er fragte, wie man sich trösten kann, «wenn man das Heiligste und Mächtigste, das die Welt bisher besaß», umgebracht hat. «Welche heiligen Spiele, welche Sühnefeiern werden wir erfinden müssen?»
Aber das Publikum grinste nur und ließ sich nichts anmerken. Dass mit dem Tod Gottes auch die Wahrheit zu Grabe getragen wurde, merkte es gar nicht. Nietzsches Einsicht, dass es keine wahre Welt gibt, sondern wir uns eine Welt zurechtmachen, «die uns wahr heißen soll», und zwar nach Maßgabe von Nützlichkeit und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Carl Hegemann
Schlechte Zeiten für Helden beim Spielzeitauftakt am Schauspiel Nürnberg. Don Karlos ist und bleibt der im politischen Familienkampf Unterlegene; Odysseus taugt nicht zum mutigen Vorbild: zwei Männer mithin, die in den Inszenierungen Opfer der Verhältnisse und auch der Frauen werden. Da können sie noch so auf Ehre und Moral pochen, mögen sich herausreden und ihre...
Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» war vor einigen Jahren ein Bezugspunkt fürs Theater: Yael Ronen inszenierte den Stoff 2013 zur Eröffnung von Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Gorki Theater und setzte so eine erste Duftmarke, wo dieses Theater identitätspolitisch hinwollte. Langhoff schwebte ein Theater für die multikulturellen...
Es ist noch nicht lange her, da fand in München keine wichtige Premiere ohne sie statt, und wenn man im Anschluss in der Kantine des Staatsschauspiels, im Garten des Volkstheaters oder im Blauen Haus der Kammerspiele nicht auf Palaver, sondern auf ein intensives Nachgespräch aus war, manchmal durchaus kämpferisch mit intellektuellen Bandagen, brauchte man sich nur...
