Im Sekten-Modus

Dennis Kelly «Der Weg zurück» (U) im Berliner Ensemble/Neues Haus und im Kleinen Haus 3 in Dresden

Theater heute - Logo

Hegel wäre im Grab rotiert. Sein unerbittlicher Fortschrittsglaube an die Kraft der Vernunft, die die Zukunft der Menschheit schon in die richtigen Bahnen lenken werde, wird einfach umgedreht. Zwar probieren ein Mann und seine Frau zunächst alles, was die moderne Medizin hergibt, um doch noch das erträumte Wunschkind zu bekommen, aber dann kommt alles anders. Die Frau stirbt bei der Geburt, und zwar ausgerechnet an einer der tollen neuen Therapien, die zuvor so viel Geld gekostet haben.

Was den Mann nicht nur mit einem Neugeborenen auf dem Arm zurücklässt, sondern auch mit einem tiefen Misstrauen gegen die wissenschaftliche Erkenntnis im Allgemeinen. 

Von da an öffnen sich die Höllentore des Rückschritts über mindestens vier Generationen und hundert Jahre, bis alle wieder auf dem Stand von einsilbig stammelnden, ländlichen Siedlern angekommen sind. Zunächst gründet der unglückliche Vater eine Widerstandsgruppe namens «Regression» (so der englische Original-Titel), die erst eine Weile im ideellen, dann halbterroristischen, schließlich extremistischen Untergrund vor sich hin agitiert. Zwei Generationen später haben sie schon die Macht übernommen mit allen Würden einer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 7 2022
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Vorschau und Impressum 8-9/22

Vorschau August/September:
Das philippinische Kurator:innenkollektiv Ruangrupa organisiert die documenta 15 in Kassel und sorgte schon im Vorfeld für heftige Diskussionen – ein Ausstellungsbesuch

Wenn Svenja Liesau auf der Bühne mal so richtig ins Reden kommt, hört sie so schnell nicht wieder auf – ein Porträt

Anastasija Kosodij hat das Theater Zaporizka in ihrer...

Spleen und Freiheit

Und dann kommen die Tränen. Rotz und Wasser, die ganze schöne FFP2-Maske voll. Das passiert eigentlich nicht im Theater. Theater ist Arbeit, intellektuelle Herausforderung, Genuss, verlorene Zeit, wiedergefundene Zeit. Aber «berührend», das ist in erster Linie ein Adjektiv, um in Kritiken einen perfekt inszenierten Moment zu schildern. Schuld daran ist Familie...

Mordor im Plastikmüll

Dunkel und drohend, gehauen aus schwarzen Felsen steht er da, der Turm der Prospera. Er erinnert wohl nicht zufällig an Barad-dur, den Turm Saurons aus dem «Herr der Ringe», von dem aus der dunkle Herrscher Mittelerde mit seinem magischen Auge überwacht. In Weimar thront ein leuchtender, farbwechselnder Ring als Symbol des Zauberbanns über allem. Prospera wacht mit...