Im Schlachthaus

Alfred Döblin «Berlin Alexanderplatz» am Schauspiel Stuttgart

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Einmal klebt der Biberkopf dem Franz auf dem Rücken wie ein Beatmungsgerät, als wolle er ihm Energie in den müden, schlappen Körper pumpen. Der Franz hat’s jetzt auch wirklich nötig: Aus dem Täter ist längst auch ein Opfer geworden, der dem kriminellen Sumpf, in dem er nach vier Jahren Gefängnis wieder gelandet ist, nicht entfleuchen kann. Der Großstadtmoloch Berlin spuckte ihn aus und schlürfte ihn wieder ein.

Dušan David Parízek hat sich in seiner zweistündigen Bühnenbearbeitung von Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» am Stuttgarter Schauspiel die Hauptperson in zwei Charaktere geteilt: den Franz spielt der große, kräftige, schwere Rainer Galke, «seinen Biberkopf» die schlanke, agile Sylvana Krappatsch. Zwei in einem, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Galke gibt eher den «klassischen» Franz, etwas tumb, leidend und phlegmatisch, Krappatsch ein straßen -jungenhaft gewieftes und tätiges Pendant. Zwei von sehr vielen Menschen werden gezeigt, die gewalttätig, ohne soziale Erdung, politisch desorientiert die Gewaltstatistik der Weimarer Republik kräftig nach oben drückten.

Auch wenn die 1920er Jahre derzeit stofflich und thematisch an den Theatern geradezu boomen – vor allem ...

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Theater heute November 2024
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Verena Großkreutz

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