Im Neurosenparadies

Ewald Palmetshofer «Helden»

Theater heute - Logo

Die Welt ihrer Eltern wollen die Kinder naturgemäß nicht. So geht es auch der fast volljährigen Judith und ihrem Bruder, dem Langzeitstudenten David. Ihre Eltern, eine Lehrerin und ein Redakteur, sind liberal, gebildet und verständnisvoll. Wenn es mal hart auf hart kommt, macht man halt ein Coaching oder geht in Therapie.

Kein Wunder, dass sich beide Kinder bei so viel Integrations- und Liebeswillen nicht nur in Therapie befinden, sondern auch einen ausgeprägten Hang zu explosiven Emotionen und Aktionen besitzen: Bei Judith ist es das Liebesleben («Mit mir macht’s dauernd bumm und ich lieb. Wie eine Bombe»), bei David sind es diffuse politische Revolutionsambitionen («Wir müssen ganz laut. Eine riesige Bombe»).

Als Comic-Helden Catwoman und Spiderman verkleidet, schmeißen sie Brandbomben in Geschäfte und Kaufhäuser. In einem finalen Zerstörungsakt lassen sie die Wellnesstherme, in der ihre Eltern grad ihren Kurzurlaub verbringen, hochgehen. Wie einst Mayenburg mit «Feuergesicht» lokalisiert Palmetshofer im bürgerlich liberalen Zwangsregime der Familie heftig brodelnde Sprenggelüste. Ausgesprochen zünftig legt er über winzige Verschiebungen in der Alltagssprache die tiefgreifenden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Natalie Bloch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ich ist eine Gummizelle

Vier Stück Mensch, in kleinen Kisten abgepackt; vier Fluchten, vier Mal Alptraum pur – das jüngste Stück des Dramatikers Thomas Freyer, Jahrgang 1981 und aus Gera, erzählt mit unerbittlich finstrer Fantasie Geschichten vom Eingesperrtsein im Ich wie im Wir; und letzter Ausweg scheint stets nur der Schritt ins Nichts zu sein: so viel Jugend und schon so viel Tod. So...

Der Direktor

Michael Merschmeier Die Kinder-Frage zuerst: Was war die erste Aufführung, an die Sie sich heute noch erinnern?

Jürgen Schitthelm Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Ich bin ja im Ostteil Berlins
aufgewachsen. 1951 haben wir mit der Klasse im staatlichen «Theater der Freundschaft»
ein Stück gesehen – fragen Sie mich nicht nach dem Autor –, das «Schneeball» hieß....

Still und nonchalant

Es gibt diese Saison zwei viel diskutierte Produktionen zu historisch-politischen Komplexen, von denen eine zum Theatertreffen eingeladen wurde, die andere nicht. Während Volker Löschs trivial-demagogische Umarbeitung von Peter Weiss’ «Marat/Sade»-Stück («Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?») mit der Einladung die Ehre erhielt, «bemerkenswert» genannt...