Im Globalen Globe

Theater heute - Logo

Neulich lag ich im Bett mit zwei Chilenen, einer Brasilianerin, einer älteren Indonesierin, einem Pärchen aus Los Angeles und ein paar Russen. Wir hörten Madhusree zu, wie sie ein altes bengalisches Lied sang. Bei ihr in Kalkutta war es spät in der Nacht, und selbst bei Sunny, die mittlerweile in Talinn lebt, war durch das Fenster draußen schon die esthnische Abenddämmerung zu sehen.

Ich schaltete in den «Gallery-Modus», und alle 20 Zuschauer:innen traten in Erscheinung, wie sie ihren Kopf auf ihre Kissen gelegt hatten und über den Tod nachdachten, denn Madhusree hatte vorhin von den letzten Stunden ihrer Schwiegermutter erzählt. 

Da dachte ich plötzlich: Dieser Zuschauerraum ist ja das Globe Theatre – alle sehen alle. Schon bei Shakespeare saßen sich die meisten Zuschauer:innen gegenüber. Aber sein Globe stand noch nicht für global. Das Publikum saß dort im selben Raum, während sich mein Bett nur so ähnlich verhielt wie das Bett der anderen auf dem Screen: Das indische Kissen von Modushree war aus dickerem Stoff als meines, das in Los Angeles war grün gestreift, und in Chile setzte sich unser globales Bett auf einem Liegestuhl in der Sonne fort – trotzdem waren unsere Körper in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 76
von Stefan Kaegi

Weitere Beiträge
Die Gewalt des Urplötzlichen

Aber natürlich wird das Theater in zwanzig Jahren anders sein – in hundert Jahren allemal. Und es versteht sich, dass das Theater keinen Bogen ums Digitale machen kann. Allen Anhängern des analogen Theaters sei das zugerufen: Ja, es wird ein digitales Theater geben. Mein Spiegel im Bad klebt schon von den Aerosolen dieses Ausrufes, mein Bücherregal im Arbeitszimmer...

Willkommen im großen Zaudern

Es ist nicht so, dass es keine männliche Rolle gäbe in Svenja Viola Bungartens neuestem Stück «Maria Magda» mit dem sie den deutschsprachigen Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts 2021 gewonnen hat. Eine gibt es schon, bei der es zumindest dramaturgisch verschenkt wäre, sie nicht mit einem Mann zu besetzen: Die Rede ist von Gott. Und der muss für einiges...

Roadtrip und Selbstbefragung

Lapis Lydius ist ein kleiner Stein, der zur Feststellung des Reinheitsgrades von Edelmetallen benutzt wird. Ein Prüfstein. Er muss stets sauber sein und vor der Prüfung mit Mandelöl eingefettet werden. Vermutlich würde man der Hauptfigur, Dylan, mit dieser Erklärung nichts Neues erzählen, denn er ist ein grenzenlos Wissender. Dylan ist ein Mann in den Vierzigern...