Im Globalen Globe

Neulich lag ich im Bett mit zwei Chilenen, einer Brasilianerin, einer älteren Indonesierin, einem Pärchen aus Los Angeles und ein paar Russen. Wir hörten Madhusree zu, wie sie ein altes bengalisches Lied sang. Bei ihr in Kalkutta war es spät in der Nacht, und selbst bei Sunny, die mittlerweile in Talinn lebt, war durch das Fenster draußen schon die esthnische Abenddämmerung zu sehen.

Ich schaltete in den «Gallery-Modus», und alle 20 Zuschauer:innen traten in Erscheinung, wie sie ihren Kopf auf ihre Kissen gelegt hatten und über den Tod nachdachten, denn Madhusree hatte vorhin von den letzten Stunden ihrer Schwiegermutter erzählt. 

Da dachte ich plötzlich: Dieser Zuschauerraum ist ja das Globe Theatre – alle sehen alle. Schon bei Shakespeare saßen sich die meisten Zuschauer:innen gegenüber. Aber sein Globe stand noch nicht für global. Das Publikum saß dort im selben Raum, während sich mein Bett nur so ähnlich verhielt wie das Bett der anderen auf dem Screen: Das indische Kissen von Modushree war aus dickerem Stoff als meines, das in Los Angeles war grün gestreift, und in Chile setzte sich unser globales Bett auf einem Liegestuhl in der Sonne fort – trotzdem waren unsere Körper in ...

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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 76
von Stefan Kaegi

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