Willkommen im großen Zaudern
Es ist nicht so, dass es keine männliche Rolle gäbe in Svenja Viola Bungartens neuestem Stück «Maria Magda» mit dem sie den deutschsprachigen Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts 2021 gewonnen hat. Eine gibt es schon, bei der es zumindest dramaturgisch verschenkt wäre, sie nicht mit einem Mann zu besetzen: Die Rede ist von Gott. Und der muss für einiges herhalten in dem fantastischen, assoziativen, theoriesatten dritten Theatertext der jungen Autorin, der gleich sechs unterschiedliche Schlüsse aneinanderreiht. «Maria, du kleine Bitch.
Weil ich ein Gott bin, werde ich dich vergewaltigen …» – so beginnt der göttliche Schlussmonolog und endet unzweideutig mit den Worten: «Und jetzt füge dich meinem Willen oder willst du dich deinem Gott widersetzen.»
Die Antwort auf diese selbstherrliche und von Gott ausschließlich rhetorisch gemeinte Frage lautet natürlich: Ja, Maria möchte sich Gott widersetzen. Und nicht nur Maria, Magda auch. Und Hildie. Und die Oberschwester. Und Ma Donna Ha. Und überhaupt alle Frauen, die in Bungartens Text nach und nach auftauchen. «Wer die Geschichte hat, hat die Macht!», lautet der zentrale Satz in «Maria Magda», und eines wird schnell klar: Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 143
von Lena Grösch und Holger Schultze
Im Jahr 1916 erscheint Franziska Gräfin zu Reventlows Buch «Der Geldkomplex». Es spielt in einem Setting, das wir von Thomas Manns acht Jahre später erschienenem «Zauberberg» gut kennen: einem Sanatorium. Reventlows Hauptfigur leidet, ähnlich wie die Autorin, an permanenter Geldknappheit. Nach neuestem medizinischen Wissensstand der Freudschen Psychoanalyse wird...
Der Philosoph Walter Benjamin schrieb in seinen Thesen «Über den Begriff der Geschichte» nicht nur über ein Bild von Paul Klee, sondern auch über das Phänomen der Siegesgeschichtsschreibung. Das Kulturgut selbst ist nicht frei von Barbarei, weil es sein Dasein nicht nur der Mühe der großen Genies, sondern auch all den namenlosen Zeitgenossen verdankt, auf deren...
Ein kalter, sonnig-stürmischer Maientag in Berlin. Ein knappes Dutzend Pressevertreter teilt sich FFP2-maskiert im nüchternen Raum des Landesarbeitsgerichts die paar Stühle, die nicht mit rotweißem Flatterband abgesperrt sind. Beklommene Stimmung: Wird sie gleich kommen, Shermin Langhoff, die ins Feuer geratene Intendantin des Gorki, das so lange das Role Model war...
