Ich schäme mich nicht!

nach Arthur Schnitzler «Fräulein Else» am Volkstheater Wien

Theater heute - Logo

Eigentlich verwendet Regisseurin Leonie Böhm literarische Texte ja wie archäologische Ausgrabungsstätten: Bis auf ein paar Knochenfunde bleibt davon auf der Bühne wenig über. Es geht schließlich um den eigenen, gegenwärtigen Kommentar, das Stück ist da nur ein Sprungbrett. Bei «Fräulein Else» am Wiener Volkstheater funktionieren beide Stränge erstaunlich gut.

Das 90-minütige Solo bleibt lange Strecken hautnah am Originaltext, der selbst im Zeitalter von «Only Fans» noch verstörendes Potenzial entfaltet: 15 Minuten soll eine junge Frau da allein nackt vor einem Freund der Familie stehen, der sie anstarrt. Selbstprostitution, um den verschuldeten Vater vor dem Gefängnis zu retten. Jahrhundertwende-Sommerfrische-Mondänität trifft da auf aktuelle #MeToo-Debatten.

Arthur Schnitzlers berühmte Monolog-Novelle von 1924 ist perfekter Theaterstoff, der gern gespielt wird. Die abgründige Melange aus Scham, eingeworfenem Schlafmittel, das dem Fantasiereichtum dieses aufgekratzten Teenagers noch mehr Feuer gibt und großbürgerlichem Tonfall, ist nach wie vor packend. Auch Schauspielerin Julia Riedler hatte den Text schon lange auf ihrer Wunschliste. Sie trägt den Abend mit beeindruckender ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2025
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Karin Cerny

Weitere Beiträge
Geschichten, die schon gut losgehen!

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Zukunft von Radikal jung, dem Münchner Festival für junge Regie, das heuer sein 20-jähriges Jubiläum – wenn auch Corona-bedingt nur die 19. Ausgabe – feierte, ist nicht gesichert. Das ruft Intendant Christian Stückl zur Eröffnung mitten in die knisternde Vorfreude im vollbesetzten großen Saal des Münchner Volkstheaters – um...

Endzeit-Symptom

Widder – sind widerständig. Setzen ihren Kopf durch, um jeden Preis. Wie anders hätte die Forscherin Jane Goddall 23 Jahre lang warten können, um für wenige Monate als unterste Schimpansin in einer Affenhorde mitzulaufen? Oder Proto-Nazi Bernhard Förster seine «arische Kolonie» Nueva Germania in Paraguay als Dystopie mit Durchfall und Drama jahrelang durchgezogen...

Festspiel ohne Haus

Es ist ein Mammutunternehmen, aber damit dem Anlass angemessen. Zur Kulturhauptstadt 2025 in Chemnitz melden sich die vier Theater aus Westsachsen mit dem kleinen Marathon «Inside Outside Europe» zu Wort, der jetzt in der Schauspielhaus-Interimsstätte Spinnbau zur Premiere kam.

Die Sache mit dem Interim ist allerdings ein Wermutstropfen für die Städtischen Bühnen....