Ich brenne für meinen Beruf
Es ist Anfang der 2000er, ich bin Anfang 20 und habe einen der begehrten Ausbildungsplätze bekommen. Ich studiere Schauspiel. Ich bin überglücklich. Mir fällt eine Tabelle in die Hände, aus der ersichtlich ist, dass ich trotz eines Studiums weit weniger verdienen werde als andere Leute am Theater, auf und hinter der Bühne. Erstmal egal. Ich brenne für meinen Beruf.
Dann meine erste Produktion am Theater. Der Intendant sitzt auf der Probe und sagt zu uns Schauspielerinnen, nachdem er die junge Regisseurin rausgeschmissen hat: «Ich muss euch einfach alle ficken wollen.
» Ich bekomme 35 Euro pro Vorstellung. Ich brenne für meinen Beruf.
Ich bin Mitte 20, beende mein Studium und gehe in ein Engagement mit 1550 Euro brutto, schlafe auf einer Matratze auf dem Boden und bin am Monatsende auf Hilfe angewiesen. Der Geschäftsführer sagt: «Der Applaus ist dein Lohn.» Ich brenne für meinen Beruf.
In den nächsten Jahren sind alle meine Chefs männlich, nur 20 Prozent meiner Regisseur:innen und 15 Prozent der Autor:innen, deren Stücke ich spiele, sind weiblich. Mein «Glück»: Manchmal darf ich als Frau Männer spielen, deren Aufgaben auf der Bühne oft ergiebiger und deren Texte inhaltsstärker ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformation, Seite 60
von Julia Bartolome
Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten gedacht, dass die westlichen Demokratien sich bald von innen auszuhöhlen beginnen? Dass rechte Bewegungen einen bedenklichen Zuwachs bekommen? Dass Gestalten nach oben geschwemmt werden, die auf Wahlergebnisse und zivile Umgangsformen pfeifen? Dabei wurde nach dem Fall der Mauer bereits das Ende der Geschichte ausgerufen – was...
Wenn ich mich zu diesen Themen als Schauspielerin an einer Staatlichen Bühne äußern soll, komme ich mir eher wie eine Soziologin vor, die sich ihrer eigenen Herkunft, ihres Alters und Geschlechts, ihrer Privilegien in hohem Maße bewusst sein muss! In diesem Sinne hoffe ich, mich möglichst präzise auszudrücken.
Im Kern hat der Großteil der sogenannten...
Wenn das «Das neue Leben» ist? Große weite leere Bühne mit einer Art Schiedsrichterleiter und einem automatischen Klavier, die später von einem martialischen Lichtrührkreisel abgelöst wird? Ein paar demonstrativ verloren wirkende Schauspieler:innen spielen sich schüchtern bis verlegen einen Text zu, der von strikter Liebesverleugnung und Sublimationskunst handelt....
