Hannover: Unvorsichtig leben
Wenn Individualgeschichte durch alle Verwerfungen und Leiden hindurchgegangen ist, gerinnt sie zum Schlagwort fürs Fachwörterbuch: «Postnomadische Traumatisierung aufgrund von Krieg und Verfolgung» steht auf einem Flipchart am Beginn dieses Hannoveraner Abends. Man nähert sich Remarques Flüchtlingsgeschichte «Die Nacht von Lissabon» im fiktiven Rahmen einer Vorlesung für den Fachbereich «Psychologie, Wintersemester 2016/2017». Betont hemdsärmelig betritt Silvester von Hösslin als Dozent den Saal: «Wie Sie wissen, hasse ich diese Abendseminare.
Besonders wenn sie so vollgestopft sind mit älteren Gasthörern.» Befreiendes Lachen. Das soll ja zur Traumabewältigung taugen.
Das Intro ist strukturell nicht unbedingt notwendig; auf die hier angelegte Rahmensituation der Universitätsvorlesung kommt die Inszenierung nicht mehr zurück. Aber atmosphärisch gibt die Lockerungsübung doch eine Richtung vor. Wie in seinem ersten Auftritt als Dozent hält Silvester von Hösslin als Solist auch im weiteren Verlauf eine schützende Distanz zum Gegenstand, wenn er in ruhigen erzählerischen Bögen die Geschichte des aus Nazi-Deutschland geflüchteten Josef Schwarz nachzeichnet. Mitunter lässt er die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Chronik, Seite 65
von Christian Rakow
«Horchen Se, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse zerfressen! Allens schwankt! Allens kann jeden Oochenblick bis in Keller durchbrechen.» Was Gerhart Hauptmann in seinen «Ratten» (1911) beschreibt, ist nicht nur der Zustand eines...
Es gibt eine Szene in Johan Simons’ Inszenierung von Theodor Storms «Schimmelreiter» am Hamburger Thalia Theater, da steht Hauke Haien (Jens Harzer) mit seiner Frau Elke (Birte Schnöink) am Deich, der Sturm tost, ein Pferdekadaver liegt an der Rampe, die Wellen rollen gegen das Ufer, man ahnt das Unheil, das sich entspinnt. Haien greift wortlos nach der Hand seiner...
Wird ein Mensch als wilder Hund bezeichnet, ist das nicht wörtlich zu verstehen und meist eher respektvoll gemeint. Jene Menschen aber, die sich buchstäblich wie Hunde verhalten – Pfötchen geben, an den Baum pinkeln und so –, werden für verrückt erklärt. Nicht in Erwägung gezogen wird, dass es sich tatsächlich um Hunde in Menschengestalt handeln könnte. «Hundsch»...
