Hannover: Aus der Mackerschmiede

Molière «Tartuffe»

Theater heute - Logo

Was ist dieser Tartuffe für einer? Ein Sektenguru, der einen Vater seiner Familie entfremdet, indem er gottgefällige Gebote ausspricht. Vielleicht sogar die Inkarnation eines ziemlich trendigen asketischen Zeitgeistes: gegen Rauchen, Trinken, Laisser-faire. Und hintenrum natürlich durch und durch verlogen. Wie die meisten Reinheitsapostel.

Bei Martin Laberenz in Hannover ist er zunächst einmal der Gegenstand eines Sprachspiels.

Lisa Natalie Arnold als Dienstmädchen Dorine kaut und krächzt und trällert und zungenkullert den Namen «Tartüüüüffe» minutenlang an der Rampe hin und her. Es wirkt, als solle mit diesen Vokal-Etüden Raum für einen möglichst vielstimmigen, vielschichtigen Zugang zum Molière­schen Protagonisten geschaffen werden. Aber gefehlt.

Das Haus des Bürgers Orgon, der sich dem Wanderprediger Tartuffe an den Hals geworfen hat und ihm bald auch Tochter und Besitz vermachen will, ist in Hannover ein hoch aufragender goldener Rundvorhang (Bühne: Volker Hintermeier). Eine Show-Kathedrale. Herein rollt ein alter Mercedes Benz und rutscht gleich mal auf die Stufen, die von der Tortenbühne hinab führen. Die paar Kratzer an seinem Benz dürften Herrn Orgon allerdings kaum den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Das große Horváth-Räderwerk

Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines...

Frankfurt: Schicksal oder Altersvorsorge?

Wie die Zeit doch selbst den Klang der Namen verändert! Als das Stück «A bright room called day» 1985 in New York uraufgeführt wurde, da klang Kushner, der Name des Autors, politisch, aufgeklärt, demokratisch. Man dachte an New York, jüdisch-intellektuelles Milieu, Widerstand gegen die Regierungsmacht. Wenn nun, dreißig Jahre später, das Stück unter dem...

Stuttgart: Vom Ende her

Am Anfang ist schon alles am Ende. Und dieses Ende ist betörend ruhig, fast meditativ und unbedingt sehenswert. In rotes Licht getaucht liegen Menschen am Boden, zärtlich miteinander verwoben, zu leisen Gitarrenklängen in Streicheleinheiten vertieft. Nur eine scheint nicht ganz dazuzuge­hören: Die Ranjewskaja (Astrid Meyerfeldt), ehemals Hausherrin hier,...