Demokratie: eine Mängelliste
Die Erhaltung des Staates ist mit der Erhaltung des Feindes unvereinbar», zitiert der Puppenspieler Combeferre aus dem Schlüsselwerk der Aufklärung «Du Contrat Social». «Ihr habt das unterschrieben», fährt er zum Publikum gewandt fort, «Rousseaus Gesellschaftsvertrag, dank dem ihr Länder überfallt, ganze Inseln in die Luft jagt und den Feind ausradiert ... wieder und wieder.
»
Als die spanische Autorin und Performerin Angélica Liddell 2003 anfing, ihr Theaterstück «Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken» zu schreiben, marschierten die USA gerade in den Irak ein. Der «Präventivkrieg» gegen die «Achse des Bösen» stand zwar offenkundig in Widerspruch zum Völkerrecht, wurde aber durch ein grenzenloses Sicherheitsbedürfnis der US-amerikanischen Demokratie nach 9/11 «legitimiert» und durch eine internationale «Koalition der Willigen» – darunter auch Spanien.
Europa, chemisch gereinigt
Mit etwas kriminalistischem Geschick und Assoziationsbereitschaft lässt sich Liddells Stück denn auch als dramatisierte Dystopie eines zukünftigen Europas lesen, in dem «die Sicherheit» herrscht und das alle inneren wie äußeren «Feinde» eliminiert hat. Dass diese Form der Sozialhygiene die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2017
Rubrik: Festivals, Seite 44
von Anja Quickert
Es summt und brummt in allen Ecken des Hauses, als seien seine Wände selbst lebendig geworden. In einer Ecke werden Messer geschmiedet, in der nächsten wird musiziert, dort plätschert Wasser durch ein Pflanzenbewässerungssystem, da sitzt eine Reihe von Menschen versunken an einem Tisch, jede*r für sich ein Video schauend. Die Maulwürfe sind eingefallen am...
Wie die Zeit doch selbst den Klang der Namen verändert! Als das Stück «A bright room called day» 1985 in New York uraufgeführt wurde, da klang Kushner, der Name des Autors, politisch, aufgeklärt, demokratisch. Man dachte an New York, jüdisch-intellektuelles Milieu, Widerstand gegen die Regierungsmacht. Wenn nun, dreißig Jahre später, das Stück unter dem...
Die späte Entdeckung von Horváths «Niemand» klingt selbst wie eine lächerlich bis tragisch verrutschte Horváth-Geschichte: 2006 wechselte ein unscheinbares 95-seitiges Typoskript in einer blauen Mappe bei einer Auktion des kleinen Pforzheimer Antiquariats Kiefer für 250 Euro den Besitzer. Niemand (!) hatte bemerkt, dass es sich dabei um die einzige Kopie eines...
