Hamburg: Im Glaskasten der Diversität
Hannah (Carlotta Freyer) hat verstanden, wie der Hase läuft. «Du denkst, du hörst die Nachrichten», erklärt sie, «aber was du hörst, ist ein Echo!» Wir sind gefangen in Filterblasen, in denen die eigene Meinung wieder und wieder bestätigt wird, bis wir glauben, eine allgemein gültige Position zu hören. Bühnenbildnerin Katja Eichbaum hat für diese Echokammer ein hübsches Bild gefunden: einen aquariumartigen Tunnel zwischen den Zuschauerrängen, in dem praktisch die gesamte Performance von Schorsch Kameruns «Katastrophenstimmung» stattfindet.
Und wenn doch einmal außerhalb des Glaskastens agiert wird, bekommt man das per Videoeinspielung mit, vom Vorplatz des Hamburger Schauspielhauses etwa oder aus dem Foyer des Malersaals. Der Ausbruch aus dem Schauspielhauskeller gelingt so zwar, der aus den Datenströmen nicht.
Spätestens als diese Datenströme Hannahs Leben sabotieren, wird klar, dass wir uns in einem repressiven System befinden: «Ich habe im Netz nach günstigen Grippemitteln gesucht, und daraus wurde geschlossen, dass ich ein schwaches Immunsystem habe.» Und mit schwachem Immunsystem kommt man nicht weiter im Job, klar. «Katastrophenstimmung» ist eine nur minimal vom Heute ...
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Theater heute August/September 2017
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Falk Schreiber
Hauke behängt den bunten Plastiktisch mit schwarzem Tuch. Er stellt rot glimmende Grablichter auf, ein Kruzifix in die Ecke und eine Flasche Korn auf den Tisch. Heute ist ein Trauertag, denn vor zwei Jahren ist Ännie verschwunden. Und dieser will mit Würde begangen werden. Oder? Wir befinden uns in einer verramschten Kneipe in einer namenlosen Stadt, dort, wo die...
Ah, we’re in Europe now!», ruft Nora Chipaumire, «nobody talks!» Oh ja, wir sind in Europa. Mitten in Europa. In Hannover, genau gesagt, einer ziemlich mittelmäßigen Stadt, wie es später in einem anderen Stück heißen wird, beim Festival Theaterformen. Doch erstmal finden wir uns im Boxring einer Künstlerin wieder, die aus Simbabwe stammt und heute in New York City...
Ganz zum Schluss erwischt er einen dann doch noch, der Moment emotionaler Überwältigung. Ein Distanzverlust, der die Kontrolle der körperlichen Reaktionen vorübergehend dem vegetativen Nervensystem überlässt – Gänsehaut. Denn auf der Bühne ereignet sich ein Temperatursturz: Der gerade noch ausgesprochen lebendige Chor steht jetzt still in fahlem Licht, die Menschen...
