Berlin: Liederbuch des Monströsen
Ganz zum Schluss erwischt er einen dann doch noch, der Moment emotionaler Überwältigung. Ein Distanzverlust, der die Kontrolle der körperlichen Reaktionen vorübergehend dem vegetativen Nervensystem überlässt – Gänsehaut. Denn auf der Bühne ereignet sich ein Temperatursturz: Der gerade noch ausgesprochen lebendige Chor steht jetzt still in fahlem Licht, die Menschen fast Schatten. Dann stimmt er Johann Sebastian Bachs «Matthäus-Passion» an: «Kommt Ihr Töchter, helft mir klagen ...
» Marta Górnicka beendet ihre «Hymne an die Liebe» mit dem Reenactment einer alten Schwarzweiß-Fotografie aus dem ukrainischen Konzentrationslager Janowska.
Das Bild der jüdischen Musiker aus dem nahe gelegenen Lemberg, die das tägliche Leben im Lager – Arbeitsmärsche, Selektion, Massenerschießungen und öffentliche Misshandlungen – mit deutschen Märschen, klassischer Musik und Vorkriegsoperette akustisch untermalen mussten, habe sie während der ganzen Arbeit am Projekt verfolgt, erklärt Górnicka im Programmheft. «Musik hat im Holocaust eine Rolle gespielt. Ich beschäftige mich mit der Allianz zwischen Lied und Mord.» Und weil dem kollektiven Mord die Selektion vorangeht – die säuberliche Trennung des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2017
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Anja Quickert
Man muss sich die Bilder nochmal vor Augen halten: Jahrelang stand an Montagen «das Volk» zu Tausenden auf diesem Platz zwischen Semperoper, Zwinger und Elbe und skandierte rechte Parolen, putschte sich selber in seinem Fremdenhass auf, schürte Angst, schwenkte Fahnen und schmähte alles, was seiner Ansicht nach nicht (richtig) deutsch ist. Pegida und dann die AfD...
Vor nicht allzu langer Zeit missverstand ein Theatermacher Hamburg fatal als maritim geprägte Stadt. Friedrich Schirmer eröffnete seine Intendanz 2005 am Hamburger Schauspielhaus, indem er der Stadt eine eigenartige Hafenpoesie überstülpte: Er verpasste seinem Theater einen lächerlichen Delfin als Logo, ließ Igor Bauersima Homers «Odyssee» zu einem grauenhaften...
Als polnischer Minister für Kultur und nationales Erbe hat man es wirklich nicht leicht. Seit Jahrhunderten bedrohen feindliche Mächte die nationale Einheit des Landes. Gleichzeitig ist der Olymp der legendären Widerstandskämpfer und Nationalhelden personell längst überlaufen, weshalb sich die zeitgenössischen nationalkonservativen Regierungsvertreter mit einer...
