Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Es war auch noch ein besonders heißer Sommer, als Christoph Schlingensief im Jahr Null des neuen Jahrtausends vor der Wiener Staatsoper ein paar Baucontainer zusammenschob und «Ausländer raus» darauf schrieb. In den stickigen Blechhütten saßen keine Schauspieler, sondern Asylbewerber, die vom Publikum zurück ins Heim gewählt werden konnten, einer von ihnen sollte angeblich die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung gewinnen.
Draußen auf den Containern stand Christoph Schlingensief und agitierte per Megafon die Passanten, indem er ihnen einen unentwirrbaren Verhau aus rechtsradikalen Phrasen, Schlingensief-Charme und Dada-Performance um die Ohren schrie. Die Strategie, als aufgeklärter Künster so tief und identifikationsbereit im braunen Schlamm des gesunden Volksempfindens zu wühlen, bis sich die Kategorien der politischen Sauberkeit auflösen, funktionierte hervorragend. So gut, dass sogar ein paar Dutzend politisch sehr aufrichtige Teilnehmer einer wöchentlichen Anti-Haider-Demo im Vollgefühl ihrer Lauterkeit zu Container-Stürmern wurden, missliebige Transparente herunterrissen und das Lager überrannten. Nur einmal war das ästhetische Borderline-Unternehmen ernsthaft in Gefahr: Als ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der giftige Saft der Tollkirsche (Atropa belladonna) verlieh, in die Augen geträufelt, einen träumerischen Blick und war ein Aphrodisiakum und Schönheitsmittel der Frauen; doch Atropa ist auch der Name der griechischen Schicksalsgöttin, die den Lebensfaden durchschneidet. Die Frauen, ob Mutter, Tochter, Gattin, Geliebte, Rivalin oder Feindin, ob Griechin oder...
Der gegenwärtige Stand: ein Konvolut von über dreihundert eng beschriebenen Seiten –
Gesprächsprotokolle, Einblicke in Lebensläufe, mitgebracht von einer mehrwöchigen Forschungsreise in den Alltag rund um eine innerstädtische – nein: randstädtische – Brachfläche, deren Bebauungspläne zu heftigen Auseinandersetzungen führten. Die Aufregung geriet so groß, dass...
Versuch über einen Zustand für drei Spielerinnen und zwei Spieler», so lautet der Untertitel des diesjährigen Gewinnerstücks des Retzhofer Literaturpreises, das in der nächsten Spielzeit am Schauspiel Chemnitz uraufgeführt wird. Die Versuchsanordnung: eine baufällige Showtreppe inmitten einer wild verwahrlosten Wiese, einer Industriebrache, eine «blühende...
