Groß und klein
Scharlatan oder Genie? Semantischer Faulpelz oder Meister des Nicht-Gesagten? Am norwegischen Mode-Autor Jon Fosse und seinen wortkargen Dramen scheiden sich die Kritiker. Für Regisseure aber bieten diese Leerstücke dank reduziertem Personal, limitierter Psychologie und beschränkter Alltagssprache viele Sinn-Löcher, in die sie ihre eigenen Ideen stopfen können. Albrecht Hirche gelingt es am Theater Aachen, viele Leerstellen offen zu lassen, ohne Leerlauf zu erzeugen. Fosses Paar-Versuch «Winter» testet er im Theater-Labor mit verschiedenen Formensprachen.
Spielerisch, selbstreflexiv – und komisch.
Die Frau und der Mann, namenlos, ohne Vorher und Woher, nur ausstaffiert mit ein paar abgebrochenen Sätzen ohne Punkt und Komma, nähern sich an, stoßen sich ab, vier Szenen lang, wollen ein «bisschen reden», auf der Parkbank und im Doppelbett. Beides aber gibt es bei Hirche nicht. Vorne erstreckt sich ein Matratzenspielplatz, hinter Kakteen und Gaze-Vorhängen eine leere Spielfläche im Kiesbett. Dort im Dustern treffen sich die Frau (Anne Wuchold) im rosa Mini-Anorak und der Mann (Karsten Meyer) im viel zu großen schwarzen Mantel das erste Mal. Ihr Gespräch rauscht als Hörspiel vom Band, ...
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In der Videoarbeit «Barbed Hula» aus dem Jahr 2000 gelingt der israelischen Künstlerin Sigalit Landau, 1969 in Jerusalem geboren, ein eindringliches Bild: Die nackte Künstlerin steht auf einem weiten Sandstrand. Man hört das gleichmäßige Rauschen der Wellen, während ihr in Zeitlupe drehender Rumpf einen Reifen auf Hüfthöhe balanciert. Rauschendes Strandidyll und...
Wer selbst beim Theatertreffen jahrelang mitjuriert hat, kennt das Haut-die-Jury-Spiel vom eigenen Buckel. Im Grunde ist es müßig: Denn immer haben sich die Juroren bei ihren verwickelten Entscheidungsprozessen etwas gedacht. Aber manchmal fragt man sich doch: was eigentlich? Warum haben sie sich unter den drei «Orestien» der Saison (Berlin, Leipzig, Frankfurt)...
Ich wurde noch nie wirklich gebraucht», lamentiert Artikel 18. In der von Harald Siebler produzierten Grundrechte-Verfilmung «GG 19 – 19 gute Gründe für Demokratie» hat Artikel 18 die Gestalt von Josef Ostendorf. Und das ist – gerade zum Auftakt des sonderbaren Unterfangens eines Grundgesetzfilms – eine verführerische Idee: Der Artikel selbst wird zur handelnden...
