Graue Gastlichkeit
Das sieht alles sehr grau aus: Die Gegenstände, die akkurat geordnet an der Wand kleben – alle grau übermalt. Die Lampen, die Teddies, die Tassen, die Teller, die Telefone. Auch die drei Frauen: graue Haare, graue Kleider. Eine (Elmira Bahrami) leiert zunächst ihre Sätze, das betont das graue Einerlei noch. Eine andere (besonders überzeugend: Vera Flück) begleitet vieles, was sie sagt, mit übertriebenen Gesten. Die dritte (Carina Braunschmidt) sitzt erstmal mit dem Rücken zum Publikum und schreibt dann alles auf (oder mit?).
Aber wieso schreibt sie von rechts nach links?
Auch in Ariane Kochs Roman «Die Aufdrängung», erschienen 2021 in der edition suhrkamp, ist alles ambivalent, uneindeutig, widersprüchlich. Da passt es sehr, was Marie Bues in der Bühne von Pia Maria Mackert und mit den Kostümen von Claudia Irro im Basler Schauspielhaushaus inszeniert. Koch erzählt auf knapp 180 Seiten in kurzen Kapiteln – mal nur einen Satz, mal wenige Seiten lang – aus der Sicht einer Frau, die in einer Kleinstadt unter einem dreieckigen Berg sitzt und ihr nicht entfliehen kann. Da kommt ein Gast zu ihr, den sie erfreut willkommen heißt, dann zunehmend zu drangsalieren scheint, letztlich ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Valeria Heintges
«Hier hat sich Schuld in Schuld verbissen.» Hunnenkönig Etzel (Nahuel Häfliger) ist in seinem schicken Anzug gegen Ende schon beinahe nachsichtig mit seinen barbarischen Neu-Familienmitgliedern, die doch gerade erst seinen Sohn erdolcht haben. Dass Häfliger zugleich den Siegfried in diesen «Nibelungen» spielt, gibt dem Ganzen nur noch mehr Größe. Denn diese liegt...
Jürgen Flimm war der moderne Bruder von Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon, ein zumeist liebenswürdiger und liebenswerter Geysir, der mitunter auch zum gefährlich brodelnden, Feuer und Mordio speienden Vulkan werden konnte. Er tanzte auf vielen Hochzeiten, aber weiß Gott nicht auf allen. Dieser neuzeitliche Striese war auch ein kluger Stratege, ein gewiefter...
Robert Musils knapper Roman «Die Wirrungen des Zöglings Törleß» von 1906, sein einziger literarischer Erfolg zu Lebzeiten, landet derzeit des Öfteren auf deutschen Bühnen. Offenbar ist die dargestellte geistig-seelische Entwicklung des sensiblen Schülers Törleß in einem Elite-Internat fern der Stadt nach wie vor interessant, wird Törleß dort doch mit den...
