Familienausflug ins KZ
Die Komödien von Yasmina Reza sind allseits beliebt, es gibt allerdings nur relativ wenige davon. Also sicherte das Burgtheater sich die Bühnenrechte für den jüngsten Roman der französischen Boulevardvirtuosin. «Serge», 200 Seiten kurz, schildert eine krisenhafte Episode im Leben einer jüdischen Pariser Familie, deren Kern die drei Geschwister Serge, Jean und Nana bilden. Die Handlung setzt nach dem Tod der Mutter ein.
Beim Begräbnis kommt Enkelin Joséphine (Lilith Häßle) auf die fatale Idee, einen Familien -ausflug nach Auschwitz zu unternehmen; immerhin waren viele Verwandte der aus Ungarn stammenden Mutter bzw. Großmutter im KZ ermordet worden. «Gestern Augenbrauenakademie, heute Judenvernichtung!», ätzt Joséphines Vater Serge über die Auschwitz-Pläne seiner Tochter, einer Visagistin, der er gerade eine Fortbildung finanziert hat. Beim Sightseeing im ehemaligen Vernichtungslager wird das ohnedies fragile Verhältnis der Geschwister jedenfalls einem extremen Belastungstest unterzogen.
Serge (Roland Koch) ist ein Mann in den Wechseljahren, der dauernd eine rauchen will und nichts mehr richtig auf die Reihe kriegt, sich das selbst aber noch nicht eingestanden hat; die inneren ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Wolfgang Kralicek
Das sieht alles sehr grau aus: Die Gegenstände, die akkurat geordnet an der Wand kleben – alle grau übermalt. Die Lampen, die Teddies, die Tassen, die Teller, die Telefone. Auch die drei Frauen: graue Haare, graue Kleider. Eine (Elmira Bahrami) leiert zunächst ihre Sätze, das betont das graue Einerlei noch. Eine andere (besonders überzeugend: Vera Flück) begleitet...
In «She Came to Me», dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, überwindet ein Komponist seine Schaffenskrise, indem er einer Schlepperkapitänin zum One-Night-Stand in ihre Kajüte folgt. Normalerweise wäre das nicht der Rede wert – jedenfalls nicht an dieser Stelle, an der es darum geht, das Festivalgeschehen durch die Theaterbrille zu betrachten und auf...
Auf den ersten Blick ist das Post-Brexit-London noch immer die pulsierende Weltmetropole, die es stets war. Ein Wunder an funktionstüchtigem, im Minutentakt anfahrenden öffentlichem Nahverkehr; die Verkehrswende, von der verstopfte deutsche Städte nur träumen können, längst geschafft. Die versmogte Stadt, in der sich nichts mehr bewegt, ist längst Vergangenheit....
