Gratwanderungen
Gefühle dürfen sein, sind ohnehin da und lassen sich nur in begrenztem Maß beeinflussen. Lüste und Ängste sind die treibenden und hemmenden Kräfte des Lebens, die für Bewegung sorgen, dafür, dass was passiert.
Was aber, wenn ein Wunsch auf ein Verbrechen abzielt? Wenn die Erfüllung des eigenen Begehrens die Zerstörung eines anderen bedeutet? Ist die Kunst, sind Literatur oder Theater dann Orte, um ein solches verbotenes Gefühl zumindest zur Sprache zu bringen? Darf, ja soll man darüber reden, auch aus der (imaginierten) Perspektive eines Täters?
Man macht es sich damit zumindest nicht einfach, so wie Leonie Böhm, die sich für ihre neue Produktion an den Münchner Kammerspielen, sieben Jahre nach den mitreißend unbekümmert rebellierenden «Räuberinnen» nach Schiller, einen Text ausgesucht hat, der beim Lesen schaudern lässt: «Mein kleines Prachttier» von Lucas Rijneveld, erschienen 2020 in den Niederlanden (und 2021 in der deutschen Übersetzung von Helga von Beuningen) noch unter dem Namen Marieke Lucas Rijneveld, ist ein Roman, der sich der pädophilen Obsession eines 49-jährigen Tierarztes für eine 14-jährige Bauerstochter widmet, und zwar mit einem ungebremsten, von ...
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Theater heute August-September 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Silvia Stammen
«Leben passiert, Kaffee hilft.» Für viele Menschen stimmt das. Für Hamlet eher nicht. Und doch steht am Rand von Thomas Ruperts Bühnenbild unübersehbar ein Kaffeeautomat. Einer, der nach entsprechendem Münzeinwurf stotternd und seufzend kleine Plastikbecher samt Heißgetränk ausspuckt.
Ab und an zapft sich auch Hamlet daraus einen Kaffee, doch seinem Leben hilft der...
Am Ende herrscht Chaos auf der Bühne: äußeres Bild als Ergebnis innerer Vorgänge. Ist ja ein alter Theatertrick: in Ordnung beginnen, zum Beispiel auf einer leeren, schwarz ausgekleideten Bühne. Dann Stück für Stück selbige verdrecken mit Erde, Schlamm, Lametta und Rotweinblut. Der Scheinwerferhimmel senkte sich Stück für Stück ab und engt nun ein. Gießkannen,...
Drei Leben: Rebecca (Linn Reusse) wurde von ihrem Partner verlassen, leidet, quält ihren Körper und zerstört die Wohnungseinrichtung (sowie den teuren Flachbild-Fernseher ihres Ex). Ihre Nachbarin Anna (Christiane von Poelnitz) kommt mit ihrer Angst vor der Außenwelt nicht klar und flüchtet sich in eine Hikikomori-Existenz. Und Sam (Heinrich Horwitz) befindet sich...
