Glücksfall einer Studie
Lütten Klein ist eines dieser Rostocker Neubauviertel, deren Lage wir Innenstadtkinder bis weit in unsere Schulzeit hinein nie richtig zuordnen konnten. Irgendwo links oder rechts der Stadtautobahn Richtung Warnemünde. Wenn wir in den Jahren nach der Wende mit dem Fahrrad zum Strand nach Warnemünde fuhren, mussten wir zwischen den Plattenbauten von Lütten Klein (oder war es schon Groß Klein?) kräftig in die Pedale treten, um den marodierenden Nazi-Hools zu entkommen, die es irgendwie rochen, wenn Gymnasiasten vulgo «Linke» vulgo «Zecken» unterwegs waren.
So erinnere ich es, und man darf diese Besprechung von Steffen Maus großer soziologischer Studie «Lütten Klein» durchaus mit einer geteilten Erfahrung beginnen. Denn Mau tut es auch. Er sagt «Ich» und «Wir», er blendet zurück in seine Kindheit und Jugend in der DDR der 70er und 80er, gibt Nahansichten des Stadtteils seiner Herkunft gestern und heute, flicht Interviews und Nachwenderecherchen ein und zoomt an jedem Punkt elegant ins soziologische Allgemeine: in eine maßgebliche Bestandsaufnahme der «ostdeutschen Transformationsgesellschaft», wie sie nicht nur in Lütten Klein, sondern allerorten in der Ex-DDR zu finden ist. Es ist der ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 46
von Christian Rakow
«Don’t be evil» war einmal das Motto der Unternehmensgründer von Google: Sei nicht wie die «bösen» Internet-Konzerne, wisse um Richtig und Falsch, verzichte auf Top-Renditen, so die Richtung. Der Slogan entpuppte sich natürlich als frommer Wunsch. Denn ein bisschen böse, ein bisschen blind für Fake und Hate darf wohl sein, wenn’s nur zahlungskräftig vorgebracht...
Ein dicker, eiserner Haken in einer uralten Holzwand. Eine Handbreit daneben, gerahmt, ein altersfleckiger Stich: Trotzkopf Napoleon mit verschränkten Armen. Oder: Blick in einen alten Kleiderschrank, Biedermeier vermutlich, sorgsam ausgekleidet mit schwarz-weißem Schrankpapier. An den Innenseiten der Türen hängen, farblich sortiert, prächtige Seiden-Kravatten, auf...
Wer ist der Gott des Rausches und der Lust? In Jan Philipp Glogers Nürnberger Inszenierung ist Dionysos ein geschlechtlich undefinierbares Wesen, dem die prüde, brav-bürgerliche Gesellschaft nicht traut: Das Fremde ist perfide und trägt verschiedene schillernde Kostüme. Am Ende feiert eine queere Truppe fummel- und farbenfroh den Sieg über das konventionelle Denken...
