Globaler Realismus, globale Kritik
Seit dem Frühjahr drehen wir in Süditalien, nahe Matera, mit ehemaligen Darstellern der Jesus-Filme von Pasolini und Mel Gibson sowie einem Cast aus italienischen Kleinbauern und afrikanischen Plantagenarbeitern ein «Neues Evangelium». In der Region um Matera, europäische Kulturhauptstadt 2019 und Drehort des «Evangeliums nach Matthäus» und der «Passion Christi», stecken geschätzt um die 500.000 Flüchtlinge aus Afrika fest.
Sie leben in Baracken oder behelfsmäßigen Zelten, können wegen der Dubliner Verträge weder vor noch zurück und müssen sich auf den Tomatenplantagen zu Niedrigstpreisen verdingen. Was wäre einleuchtender, als hier den sozialrevolutionären Mythos der Jesusbewegung ins 21. Jahrhundert zu holen?
Wenn wir den Jesus-Darsteller unseres «Neuen Evangeliums», den ehemaligen Plantagenarbeiter und heutigen Aktivisten Yvan Sagnet durch die Lager begleiten, um die Flüchtlinge zu einem gemeinsamen Streik aufzurufen, dann ist das eine offene Revolte. Die süditalienische Agrarindustrie wird beherrscht von der Mafia, die verschiedenen nationalen Flüchtlingsgruppen werden vom Staat und den Unternehmern gegeneinander ausgespielt. Sie werden den Teufel tun, Sagnet machen zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wir wurden im Frühjahr 2019 vom leitenden Dramaturgen Daniel Richter angefragt, ob wir die zehn Inszenierungen des diesjährigen Theatertreffens sehen und auf die Frage hin einschätzen wollen, wie männlich das Theatertreffen sei. Als Theaterwissenschaftlerinnen und Geschlechterforscherinnen nahmen wir uns dieser Aufgabe sehr gern an – und hier sind nun unsere...
Auf der Bühne wirkt sie oft, als spreche sie widerwillig gegen die Sätze an, die sich in ihrem Mund formen, und auch im Gespräch über ihre Arbeit kann Sandra Hüller schnell einen bemerkenswert bockigen Ton anschlagen. «Eine direkte Erzählform hat uns an der Stelle nicht interessiert und wird dem Stück nicht gerecht – Kleist lässt sich nicht vereinfachen», antwortet...
1815 bricht auf der indonesischen Insel Sumbawa der Stratovulkan Tambora aus. Mit einer so gewaltigen Intensität kehrt die Erde ihr Innerstes nach außen, dass das ausgestoßene Material zu weitreichenden Wetterveränderungen in Nordamerika und Europa führt. Die vulkanische Asche verdunkelt den Himmel, und das Jahr 1816 geht als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte...
