Geschlossene Gesellschaft, tiefgekühlt

Anne Lenk inszeniert Racines «Phädra» in Nürnberg

Da gibt es kein Entkommen: Der Raum ist flach wie ein Bunker, die Wände sind heruntergelassene und zugezogene Jalousien. Manchmal zieht jemand die Lamellen etwas auseinander: Dann sieht man ein Auge, das auf die andere Seite des Lebens blickt. Aber da scheint auch nichts zu sein, was Rettung aus dieser Gefangenschaft versprechen könnte. Dass man aus diesem klaustrophobischen Ambiente auch fliehen kann, wird sich erst ganz am Ende zeigen; aber der «Ausweg» führt auch nur in den Tod.

Anne Lenk hat sich für ihre Inszenierung von Jean Racines «Phädra» am Nürnberger Staatstheater von Judith Oswald eine Bühne bauen lassen, die unmissverständlich und auch ein bisschen zu augenfällig klar macht, dass Liebe und Leidenschaft in einer kalten, steifen Welt keine Chance haben. Hier regieren im verstörend düsteren Licht- und Schattenwechsel nur Macht und Intrige, Eifersucht und Lüge, und tatsächlich hat man den Eindruck, dass die Decke des Cinemascope-Raumes (der die meiste Zeit im Stream in der Totalen zu sehen ist) mit der Zeit immer niedriger wird, nach unten drückt und die in ihre Ränke und Ausflüchte verstrickten Figuren in die Knie zwingt. Aufrecht und ehrlich ist da schon lange keiner ...

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Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 52
von Bernd Noack

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