Geschlossene Gesellschaft, tiefgekühlt

Anne Lenk inszeniert Racines «Phädra» in Nürnberg

Da gibt es kein Entkommen: Der Raum ist flach wie ein Bunker, die Wände sind heruntergelassene und zugezogene Jalousien. Manchmal zieht jemand die Lamellen etwas auseinander: Dann sieht man ein Auge, das auf die andere Seite des Lebens blickt. Aber da scheint auch nichts zu sein, was Rettung aus dieser Gefangenschaft versprechen könnte. Dass man aus diesem klaustrophobischen Ambiente auch fliehen kann, wird sich erst ganz am Ende zeigen; aber der «Ausweg» führt auch nur in den Tod.

Anne Lenk hat sich für ihre Inszenierung von Jean Racines «Phädra» am Nürnberger Staatstheater von Judith Oswald eine Bühne bauen lassen, die unmissverständlich und auch ein bisschen zu augenfällig klar macht, dass Liebe und Leidenschaft in einer kalten, steifen Welt keine Chance haben. Hier regieren im verstörend düsteren Licht- und Schattenwechsel nur Macht und Intrige, Eifersucht und Lüge, und tatsächlich hat man den Eindruck, dass die Decke des Cinemascope-Raumes (der die meiste Zeit im Stream in der Totalen zu sehen ist) mit der Zeit immer niedriger wird, nach unten drückt und die in ihre Ränke und Ausflüchte verstrickten Figuren in die Knie zwingt. Aufrecht und ehrlich ist da schon lange keiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 52
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Fremd, ohne zu befremden

So müssen sich die antiken Griechen gefühlt haben, wenn sie bei der Uraufführung eines Tragödienzyklus waren. Ein großes gemeinschaftliches Erlebnis und die faszinierende Neugestaltung eines alten Mythos: Das war «Dionysos Stadt» 2018 an den Münchner Kammerspielen. Christopher Rüping gelang damals eine so kluge wie berührende zeitgenössische Neudeutung des...

Die Rache des unterdrückten Ichs

Larissa ist eines dieser typischen Provinzmädchen, die nach Berlin kommen, um ihr Glück zu finden. Das macht sie aber nicht zur Nachfahrin des «kunstseidenen Mädchens». Während Irmgard Keuns Heldin ein Glanz werden möchte, will die Heldin von Rebekka Kricheldorf das Gegenteil: keine Karriere als Schauspielerin und schon gar nicht Muse in der Low-Budget-Produktion...

Neue Lüftungsanlage gefällig?

Dorion Weickmann Wer kann jetzt welche bühnentechnischen Neustart-Mittel beantragen? 
Wesko Rohde Das Programm ist hauptsächlich für Privattheater gedacht, davon gibt es schätzungsweise tausend in Deutschland. Rund 600 Förderungen haben wir beim ersten Mal vergeben. Gefördert wird jede pandemiebedingte Investition: vom Desinfektionsmittel über kontaktloses...