Der Zeuge
Erst auf Seite 125 fällt zum ersten Mal ein Wort, das nach Thomas-Bernhard-Sprache klingt. Das hat es dann aber gleich in sich: «Gesellschaftsunvereinbarkeit». Damit trifft Peter Fabjan, der jüngere Halbbruder des Schriftstellers und dessen lebenslanger Begleiter, nicht nur Bernhard, sondern auch sich selbst: «Wir leben in Parallelwelten mit unterschiedlicher Sprache und unterschiedlichen Umgangsformen, jeder von uns ein Außenseiter, in der Welt des Anderen weniger integriert als nur geduldet. Schutzbedürftige waren wir letztlich beide.
»
Das familiäre Unglück in und um Bernhards Kindheit ist allseits bekannt und gut dokumentiert. Der Dichter selbst hat es in fünf autobiografischen Romanen ausführlich beschrieben, hinzu kommen Forschungsarbeiten und eine hervorragende Biografie von Manfred Mittermayer (siehe TH 12/15). Nichts Neues unter der Sonne? Gerade Fabjans lapidare, um äußerste Sachlichkeit bemühte Diktion vollbringt Wunderwerke des Grauens. «Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Menschen, denen er etwas schulde, habe er ‹vernichten› müssen, um sie loszuwerden, sagte er einmal.» Oder aber: «Die früh aus Thomas’ Leben verdrängten Bereiche waren körperliche Nähe und ...
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Theater heute Juni 2021
Rubrik: Bücher, Seite 31
von Franz Wille
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