Gesamtkunstwerk in Bruchstücken
Es ist nicht immer der große Wow-Effekt, der am längsten in Erinnerung bleibt.
Wobei auch der seinen Reiz haben kann: Wenn sich in «Ocean Cage» von Tianzhuo Chen zur Eröffnung des Münchner Spielart Festivals 2025 alles um Wind und Walfang dreht und nach einer Stunde im immersiven Sturmgebraus – zwischen historischen Dokumentaraufnahmen der in -digenen Jagd auf Holzbooten, spirituellem (Klang-) Dekor und KI-bearbeiteten Meeresbildern – ein graues Stück Stoff zu einem riesigen Pottwal in Lebensgröße aufgeblasen wird, in Tuchfühlung sozusagen mit dem flanierenden Publikum in der Muffathalle. Mittendrin fühlt man sich bei aller rationaler Skepsis unweigerlich berührt von der Illusion eines gemeinsamen Erlebens um den halben Erdball herum, wenn sich der indonesische Tänzer Siko Setyanto im Schamanenkostüm, gerade noch im Video an einer pazifischen Küste unterwegs oder gar mit den Meeressäugern tauchend, jetzt unters europäischem Kunstvolk mischt und dabei seine wilde Trance zum Party-Antanz umfunktioniert.
Virtuos spielt der zwischen Beijing, Shanghai und Berlin produzierende bildende Künstler Tianzhuo Chen mit westlichen Erwartungshaltungen und unterwandert sie in seiner multimedialen ...
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Theater heute Januar 2026
Rubrik: Festival, Seite 52
von Silvia Stammen
1:18 ist die Menschlichkeitsquote, wenn man die Figuren der beiden Politparabeln zum Spielzeitauftakt am Theater Bonn zusammenrechnet, die da wären: «Sankt Falstaff» und «Biedermann und die Brandstifter». Okay, vielleicht 2:17, Clubbetreiberin Frau Flott ist auch ganz okay. Aber als wirklich menschlich, als ein fühlendes, denkendes Wesen, das weder Verstellung noch...
Gemeinsam. Energie. Austausch. Öffnung. Begegnung. Intendantenlieblingsworte wie diese kommen Felix Rothenhäusler in Freiburg schon recht flüssig über die Lippen. Den langen Marsch durch die städtischen Institutionen hat er hinter sich (Begegnung!), Zukunftsprojekte sind angestoßen (gemeinsam!), das Publikum wurde im Spielzeitheft mit einer beherzt...
Hart ist gar kein Ausdruck für die Welt, in die die namenlosen Zwillingsjungen aus Ágota Kristófs Roman «Das große Heft» geworfen werden. Es herrscht Krieg, und ihre Mutter bringt sie, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, aus der bombardierten Stadt ins Dorf zur Großmutter. Deren Empathie hält sich in derart engen Grenzen, dass allein schon der Gebrauch dieser...
