Freundlich, aber unerbittlich
Wie das Beil eines Scharfrichters ragt der portalhohe Keil an die Rampe, fast in den Zuschauerraum hinein. Beidseits der scharfen Spitze öffnen sich Raumdreiecke: die Territorien von Elisabeth und Maria. In nebliger Halbdüsternis tasten sie der Klinge entlang aufeinander zu – eine schneeweiße und eine blutrote Königin, hochaufgerichtet und im Hosenanzug eingeschlossen die eine, wallend und auffahrend die andere. Streng, klar, rhetorisch ist dieser Einstieg in Schillers Tragödie und hochgradig theatralisch, im guten Sinn, als Ab -strahierung und Überhöhung.
Olaf Altmanns Henkersbeil wird sich auf der Bühne drehen, wird Raum freigeben für changierende Machtkonstellationen. Roger Vontobel wird sie präzise herausarbeiten, in einer schlanken Textfassung und mit einem kleinen Ensemble, neben den beiden Königinnen nur gerade Leicester, Burleigh, Talbot, Mortimer und Paulet, fünf intrigante Jungs in Schwarz, die einzige weitere Frauenrolle ist der arme Davison, dem das fatale Todesurteil anvertraut ist.
Vontobel stellt die Frauenfiguren in ihren Machtpositionen ins Zentrum seiner Inszenierung, als Gefangene in einem patriarchalen System. Er arbeitet sehr eindrücklich die politischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2022
Rubrik: Start Bern, Seite 52
von Andreas Klaeui
Hier entsteht gerade ein Gefängnis – nicht Gitterstab um Gitterstab, aber Wand um Wand. Ein einfaches Haus wird gebaut auf der kleinen Bühne im Ballhof des Hannoverschen Staatsschauspiels, von einem einfachen Mann – und hinter den Kulissen, die Michael Sebastian einer nach der anderen hereinträgt und montiert, werden am Ende all die Geschichten versteckt sein, die...
Wenn man an einem frühlingshaften Freitagabend zu einer «Hamlet»-Premiere die breiten Stufen des Anhaltischen Theaters hinaufsteigt und dabei nur über ein Grüppchen von sieben Leuten stolpert, begreift man, dass Dessau zu den Shrinking Cities gehört. Trotz der Fusion 2007 mit der Nachbargemeinde Roßlau, trotz Bauhaustourismus, Pharma- und Fahrzeugtechnikindustrie,...
Die Erinnyen sind durch. Total durch. Die Rachegöttinen schimpfen als dreifache Lucrecia über den scheiß mittelmäßigen deutschen Regen, scheißen auf den Mythos, scheißen auf die Mitte: «Alles wird von der Mitte zersetzt.» Scheiß Mythos Mitte. Und dann ist da noch das Problem mit der Rache. Das Konzept ist irgendwie am Arsch, keiner weiß, warum sie immer noch...
