Sterben, schlafen, vielleicht träumen

Philipp Preuß erzählt Shakespeares «Hamlet» neu: als Kopfgeburt des Dänenprinzen, tief in den Riesenraum des Anhaltischen Theaters Dessau

Theater heute - Logo

Wenn man an einem frühlingshaften Freitagabend zu einer «Hamlet»-Premiere die breiten Stufen des Anhaltischen Theaters hinaufsteigt und dabei nur über ein Grüppchen von sieben Leuten stolpert, begreift man, dass Dessau zu den Shrinking Cities gehört. Trotz der Fusion 2007 mit der Nachbargemeinde Roßlau, trotz Bauhaustourismus, Pharma- und Fahrzeugtechnikindustrie, und ja, trotz eines Mehrspartenhauses, dem 2015 zwei Sparten gekürzt wurden, verliert Dessau-Roßlau alljährlich ein paar hundert seiner derzeit 79.000 Einwohne -r:innen.

Das imposante Theater wurde im Nationalsozialismus erbaut, von Goebbels und Hitler eröffnet, im Krieg zerstört (in Dessau standen die kriegsindustriell wichtigen Junckers-Werke) und bis 1949 wiederaufgebaut; 1950 bot es dem ersten politischen Schauprozess der DDR eine Bühne. Heute scheint es etliche Num -mern zu groß für die Stadt.

Der lange Tisch

Im unteren Foyer verlieren sich ein paar versprenkelte Premierengäste. Die Türen zum Parkett sind verschlossen, also hinauf in den Rang: Ah, hier hat sich das Publikum versteckt, draußen an Stehtischen oder drinnen im locker besetzten, sicher 450 Zuschauer:innen fassenden Rang mit Blick auf eine der größten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Alle Augen auf

Der Pfauen, der traditionelle Theaterraum des Schauspielhaus Zürich, liegt am Heimplatz. Aber der gehört dem Verkehr, nicht den Passanten – korrekter wäre Heimkreuzung. Nach der Vorstellung steht man eng auf dem Trottoir an der Straße, wie der Bürgersteig auch in der Schweiz heißt. Und nach vier Stunden hat man schon einmal Bedarf zum Rumstehen, so lange ging die...

Lyrisch organisierte Verbrechen

Die extreme Gewalt, von der Hakim Bah in «Auf dem Rasen» erzählt, bleibt sonderbar verhüllt in Sprache. Dabei steht alles wortwörtlich drin in dem mitunter schwer zu ertragenden Text: Soldaten eines Schurkenregimes schlagen Demonstrantinnen tot, vergewaltigen sie mit Gewehrläufen, lassen sie in Containern verwesen oder schmeißen sie ins Meer. Aber mit jeder...

Aus der Zeit gesungen

Niemand kann etwas für seine Lust. Aushalten muss man sie trotzdem, und das ist nicht immer leicht, vor allem wenn «Der Drang» quer zur gesellschaftlichen Konformität läuft oder nicht so richtig aus sich heraus kann – oder schlicht nicht auf Gegenliebe trifft. Friedhofsgärtner Otto, ein Prachtexemplar patriarchaler Selbstüberschätzung, hat sich eine...