Existenzformen des Theaters
Allzu häufig schaffen sie es nicht auf die ganz große Leinwand, die Dokumentarfilme zum Werk großer Theaterleute. Jetzt kommen gleich zwei theaterhistorische Dokus in die deutschen Kinos: Sandra Prechtels Film über Einar Schleef und Maria Wischnewskis zu Helene Weigel. Einar Schleef starb am 21. Juli vor 25 Jahren. Ein Vierteljahrhundert, kaum zu glauben. Zu präsent noch immer seine wuchtigen Inszenierungen, die hämmernden Sounds seiner Chöre, das Grobe wie das Verletzliche seiner Inszenierungen.
Sandra Prechtels dokumentarisches Schleef-Patchwork ruft es ungeheuer wirkungsvoll wieder auf. Das Konvolut aus dem nur 57 Jahre währenden Leben und Schaffen des Multikünstlers Schleef ist gigantisch, sein Nachlass aus Manuskripten, Theaterarbeiten, Fotografien und Filmen befindet sich in der Akademie der Künste Berlin. Dazu kommt sein biografisches, 1200 Seiten starkes Monumentalwerk «Gertrud» über die Mutter sowie seine gesammelten Tagebücher von 1953 bis 2001, alles erschienen bei Suhrkamp. In diesem Fundus konnte Prechtel stöbern, geleitet von der Frage nach Einar Schleefs schwierigem Verhältnis zu seinem Heimatland, das ihm nie Heimat wurde.
Fliehen, weit weg
«Ich habe kein Deutschland gefunden», diesen Tagebuch-Satz von Schleef hat sie zum Titel ihres Films gemacht, und er taucht erst nach 17 Minuten auf, wenn Schleef 1976 im Westen angekommen ist. Die 32 Lebensjahre bis dahin sind durchaus eine Blaupause für alles Weitere: die trostlose Kindheit mit einem gewalttätigen, vom Krieg gezeichneten Vater und einer schweigsam leidenden Mutter in Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, wo der 19-Jährige notiert: «Ich entferne mich immer mehr von mir selber. … Ich will fliehen, weit weg.» Aus dem soldatischen Kreislauf der Väter und Großväter bricht er auf in die Kunst, studiert Malerei in Berlin, wird nach einem Semester exmatrikuliert wegen «despektierlicher Äußerungen» und trifft den Brecht-Bühnenbildner Karl von Appen, der ihn ans Berliner Ensemble bringt. Sein erstes Bühnenbild in Co-Regie mit B.K. Tragelehn entsteht für Strittmatters «Katzgraben», «Fräulein Julie», ebenfalls in Co-Regie mit Tragelehn, wird zur «Skandalinszenierung» und nach zehn Vorstellungen abgesetzt. Für Schleef gibt es keine Arbeit mehr in der DDR, deren realistischem Formenkanon er sich widersetzt. Er ist nur noch als «Kunst-Export» in den Westen zu gebrauchen, 1976 bleibt er dort.
«Wie schwer mein inneres Gepäck ist», begreift er erst jetzt. Zu den Tagebuch-Sätzen, gelesen von einer künstlich generierten Schleef-Stimme, sind seine Super-8-Filme zu sehen, die sich beharrlich in Details der Hässlichkeit zoomen, verkalkte Abflüsse, Kopfsteinpflaster. Den Westen erlebt er als eine «Gesellschaft der Härte»: «Ich kann mich räumlich bewegen, aber die Freiheit der Gedanken scheint mir sehr beschränkt», der Konformitätsdruck sogar größer als in der DDR. Er schreibt, er malt, Bilder, so groß wie seine Theaterarbeit, die er im Westen erst fortsetzen kann, als Günther Rühle ihn nach Frankfurt holt.
Rühle kommt in diesem hundertprozentig Schleef-zentrierten Film so wenig vor wie die meisten anderen Wegbegleiter. Hier spricht vor allem Schleef über Schleef und die Welt, in der er niemals ankommt. Einzige Ausnahme: der junge Martin Wuttke, der 1986 zuerst in Frankfurt in Schleefs Antikenprojekt «Mütter» mit ihm arbeitet, eine Arbeit, die er «ungewöhnlich aggressiv und ungewöhnlich zärtlich» nennt, «eine Existenzform». In Frankfurt entdeckt Schleef den Chor, in dessen «Wir» er seine künstlerische Position als «Ostmensch» entdeckt und dessen Einsatz ihm in den folgenden Jahrzehnten Ruhm und Hass wie kaum einem zweiten Theaterkünstler dieser Jahre beschert.
Am Berliner Ensemble klagt Rolf Hochhuth gegen seine Umsetzung der «Wessis in Weimar», als das Schillertheater in Berlin schließt, spottet der Provokateur Schleef über die scheinheiligen Proteste der Intendanten und zeigt seinen «Faust» in winterlicher Kälte draußen auf der Treppe des Theaters als große Entzauberung: «Weimar, Buchenwald und dazwischen Nietzsches Sterbehaus – das ist Deutschland.» Jelineks «Sportstück» macht er am Burgtheater zum chorischen Kriegsstück, er sammelt Preise ein und bleibt unversöhnt. Tagebuch, Oktober 1999: «Warum mache ich Theater? Berlin ein Schrecknis. Wie kann ich das Land der Dichter und Denker unbeschadet verlassen?»
Das Land der Denker und Dichter ist ein wenig überpräsent in der musikalischen Untermalung mit Bachs Matthäus-Passion und Schuberts Liedern über das Fremdsein in der Welt. Die überwältigende Präsenz des Schmerzensmanns Schleef hätte das gar nicht gebraucht. Am Ende steht er auf der Bühne mit Nietzsches «Ecce homo» und schreit und haucht ihn ins Schwarze, das Stottern aufgehoben in der letzten Erkenntnis: «Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.»
Ganz Gegenwart
So etwas wie ein Gegenmodell zur Schleefschen Entstehung der Kunst aus Schmerz und Einsamkeit ist Helene Weigel. An der Seite ihres permanent fremdgehenden Ehemanns Bertolt Brecht durchlebt sie 15 Jahre lang das Exil in Dänemark und Amerika, wo sie nicht arbeiten kann: «Haushalt, Leute, Dreck wegputzen: Ich könnte Trauerspiele aus meinem Leben machen, will das aber nicht.»
Auch Maria Wischnewski interessiert sich wenig für die Leidens- und Gattinnengeschichte der Weigel. Aus den Archiven der Akademie der Künste, dem Bertolt-Brecht- und dem Helene-Weigel-Archiv gräbt sie die vielfältigen Ton-, Film- und Fotobelege für eine Künstlerin von größtem Energiepotenzial und endloser Re -silienz aus, vor allem zwei lange Gespräche, die sie 1959 mit Hans Bunge, dem Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs, und 1969 mit Werner Hecht, Dramaturg am Berliner Ensemble, führte. Lakonisch, immer wieder laut lachend, erzählt sie ihre Geschichte: die einer Wiener Jüdin, die sich gegen den Willen ihrer Eltern ans Theater kämpft. Mit gerade mal 18 steht sie als Marie im «Woyzeck» in Frankfurt auf der Bühne, mit 22 trifft sie 1922 Brecht. August Diehl liest mit lässiger Nonchalance Brechts Briefe an «Helli»: «Ich bin immer aufgekratzt bei Dir.»
Auch Maria Wischnewski spart sich jedes kommentierende Voice-over, lässt aber einige Wegbegleiter und Angehörige ins Bild kommen. Weigel-Biografin Sabine Kebir darf ihre These vorbringen, dass es Weigel war, die zuerst zur «dritten Sache», dem Kommunismus, fand: «Da ist sie Brecht vorangegangen.» Auch Enkelin Johanna Schall nennt Weigel eine «politische Aktivistin». Die 1933 mit Brecht das Land verlässt, von Dänemark über Stockholm nach Kalifornien: «Der Krieg folgt uns wie unser eigener Schatten.» Birgit Minichmayr liest aus den Briefen aus dem Exil, zärtliche Botschaften an ihre Freundinnen, Bettelbriefe um Jobs an Erwin Piscator, der ihr auch nicht helfen kann, eine freundschaftliche Korrespondenz mit Walter Benjamin, der den Weg nach Amerika nicht schafft.
Ihr wirkliches Leben beginnt erst nach der Rückkehr nach Deutschland, in die DDR, zu der es keine Alternative gibt: Brecht, der Kommunist, ist überall sonst unerwünscht. Hier, mit fast 50, kann sie endlich ihr ganzes Hochenergiepotenzial entwickeln. Sie gründet mit Brecht das Theater am Schiffbauerdamm, sie spielt, natürlich ist ihre legendäre Mutter Courage zu sehen, organisiert, bezirzt die Obrigkeit, um Geld fürs Haus und Wohnungen für ihre Schauspieler zu organisieren. Sie ist ganz Gegenwart: «Ich hab sie weder klagen noch prahlen noch plaudern gehört über die Vergangenheit und das Leben nach dem Krieg», erzählt Katharina Thalbach, durch ihren Vater, den Regisseur Benno Besson, von klein auf am Theater am Schiffbauerdamm zuhause.
Nach Brechts Tod 1956 wird die omnipräsente Schauspielerin und Intendantin auch noch Nachlassverwalterin und Hüterin der Rechte: «Nichts soll verschwinden.» Als österreichische Staatsbürgerin kann sie ein- und ausreisen, als berühmteste Schauspielerin des Landes und Brecht-Witwe ist sie unantastbar. Wischnewskis Film konzentriert sich auf ihre Widerständigkeit, die auch Sabine Kebir in ihrer Biografie hervorgehoben hat. Über ihre Kompromisse mit der SED wird kaum gesprochen, die Verwerfungen im BE selbst kommen nur einmal zur Sprache, mit ihren eigenen Worten: «Das Zusammenhalten im Theater ist nicht gelungen.» Sie stirbt 1971, wie sie gelebt hat: wenige Tage nach einem Gastspiel in Paris zum 100. Jahrestag der Pariser Commune. Das letzte Foto zeigt sie auf der Bühne.
Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht, Regie & Buch Maria Wischnewski, ab 12.11. im Kino
Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden, Regie & Buch Sandra Prechtel, ab 5.11. im Kino
Außerdem in Anwesenheit der Regisseurin im Theater: Residenztheater München (1.11.), Schauspiel Frankfurt (2.11.), Schauspielhaus Hamburg (4.11.), Deutsches Nationaltheater Weimar (17.11.)
Theater heute November 2026
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 60
von Barbara Burckhardt
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