Endstation Sehnsucht
Man müsse tot sein, heißt es, wenn man in Wien eine gute Nachred’ haben will. Manchmal genügt es auch, wenn man todkrank ist.
Als der von einem Krebsleiden schwer gezeichnete Hans Gratzer bei der Nestroy-Gala vergangenen November auf der Wiener Varietébühne Ronacher für sein Lebenswerk geehrt wurde, spendete ihm die versammelte Wiener Theatergesellschaft minutenlang Standing Ovations – darunter auch einige Kollegen, die Gratzer nur wenige Monate vorher die bitterste Niederlage seiner Karriere zugefügt hatten: Noch während der ersten Saison als Direktor des Theaters in der Josefstadt war Gratzer zum Rücktritt gezwungen worden.
Die beklemmende Szene im Ronacher war ein peinlicher Regiefehler, der dem Regisseur Hans Gratzer nie unterlaufen wäre. Der unrühmliche letzte Akt passt nicht zu einer ungewöhnlichen Laufbahn, in deren Verlauf Gratzer immer wieder vor dem Absturz stand – um dann doch wieder durchzustarten. Diesmal hatte er dazu keine Chance mehr: Am Abend des 19. Januar ist Hans Gratzer im 64. Lebensjahr gestorben.
Ein begnadeter Impresario
Am Beginn seiner Karriere, als Schauspielschüler am Reinhardt-Seminar, hatte man Gratzer beschieden, «nicht genial und zu bürgerlich für ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die junge Frau mit der roten Strickjacke stößt einen tiefen, wunden, würgenden Schrei aus. Es ist der Moment, in dem sie begreift, dass sie sterben wird: Nicht irgendwann später, wie jeder Mensch glaubt, nicht frühestens 99 Tage nach dem Gerichtsurteil, wie morgens Zellengenossin Else versprochen hat, sondern noch heute, gleich. So will es das Nazi-Regime, das an...
Der Kanonenschuss, der am Schluss des Stücks fällt, kündigt am frühen Morgen des 12. April 1861 den Beginn des Sezessionskrieges an. Von Politik war zuvor ausgiebig die Rede in Julien Greens Drama «Süden», entstanden 1951/52, und die erste Leiche liegt bereits auf dem Boden des Salons der Plantage Bonaventura in Südcarolina: Leutnant Ian Wiczewski, der die blaue...
Es gibt Ereignisse, die grenzen in diesen Zeiten, da das Wünschen nicht mehr hilft, an ein Wunder. Ringsum werden Theater von Sparzwängen gepeinigt, es wird geschlossen und gedrosselt, ganze Sparten verschwinden, Spielpläne schrumpfen. Just da öffnet ein schon fast aufgegebenes Theater wieder seine Pforte: in sachbezogener Schlichtheit und höchstmöglicher...
