Ende der Illusionen
Was ist das für ein Posa? Wenn der allseits beliebte Freiheitsheld zum ersten Mal in Kamelhaarmantel und elegantem Schal die Drehbühne des Leipziger Schauspiels betritt, gleicht er einem ambitionierten Jurastudenten, dressed to succeed beim Vorstellungsgespräch in der global agierenden Kanzlei. Die heftige Umarmung seines bäuerlichen Prinzenfreunds Karlos erduldet Posa steifen Arms. Das soll der feurige Kämpfer für die unterdrückten Niederlande sein? Kalkül steht ihm im blassen Gesicht, die Intelligenz des schmalen Eigennutzes.
Es ist der spannendste Moment in Wolfgang Engels Leipziger Inszenierung des Schiller-Thrillers zum gleichnamigen Jahr, wenn dieser taktierende Ehrgeizling sich im Bewerbungsgespräch mit seinem Arbeitgeber in spe, dem spanischen König Philipp, in eine Emphase hineinredet, die er an sich selbst nicht kennt. Eben noch hatte er die gezielte Regelverletzung, die anstößige Distanzeinebnung kalkuliert benutzt, näher und näher war er dem König gerückt, auf Augenhöhe hatte er den Stuhl herangezogen, da geht es mit ihm durch: die Entstehung der politischen Leidenschaft beim Reden. Jetzt blickt er fassungslos: Es gibt danach keinen Weg zurück.
Es ist nicht der ...
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Früher war alles besser. Die Luft frischer, die Zigaretten billiger, und auch die Liebe war noch nicht eine Ansammlung gescheiterter Versuche, sondern die Liebe eben. Das gilt allerdings nur, solange dieses «früher» auch «früher» bleibt. Steht es jedoch eines Tages leibhaftig vor der Tür und tut so, als wäre es gerade mal eine halbe Stunde her, seit man sich zum...
Frech, böse, aufsässig glotzen die niedlichen Geschöpfe aus den Bildern des 1959 in Japan geborenen A. R. Penck-Schülers Yoshitomo Nara in die Welt. Da stimmt was nicht, bedeuten sie und trotzen tapfer dagegen an: Blessuren, Schrammen indizieren Streit und Prügelein. Plakativ und doppelbödig gerieren sich Naras an populäre Comicstrips angelehnte Bildfindungen:...
Es war im November 1619, kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs. René Descartes, ein 23-jähriger Offizier im Dienste der Armee Moritz von Oraniens, sitzt fest im Winterquartier in Neuburg bei Ulm. Wieder war ungewöhnlich viel Schnee gefallen – diese Periode langer, harter Winter in Mitteleuropa gilt später als «kleine Eiszeit» –, und nicht nur der...
