Da, das ist der!
Aus dem hell erleuchteten, voll besetzten Parkett des Hamburger Deutschen Schauspielhauses steht ein Theaterbesucher auf, geht im Businessanzug, den Schlips richtend, nach vorn und stellt sich und seine Problemlage dem Publikum als sein eigener Werbe-Promoter mit kaltem Charme vor: Der Chef, Othello, hat ihn, Jago, bei der ihm eigentlich zustehenden Beförderung zum zweiten Mann übergangen und ihn dadurch in seinem hart erworbenen Anspruch auf die Karriere tief verletzt.
Er wird sich, sagt er, und setzt das Einverständnis des Angestellten-Publikums voraus, dafür rächen, wird den Chef zu Fall bringen, tödlich.
Die kalt und klar geführte Stimme des Schauspielers Wolfram Koch beherrscht den Riesenraum ohne Anstrengung, selbstverständlich und nur zu verständlich. Die knappe Gestik unterstreicht den Rache-Anspruch der Figur als legitim, denn Othello hat gegen Business-Regeln, die einzig geltenden, eklatant verstoßen. Indem Koch Jagos Argumentationsstrategie so glatt und gewandt, so perfide perfekt vorträgt und sich dabei kleine halbe Späße erlaubt – das setzt am Anfang des Abends unzweideutig und brillant den Grundzug der Inszenierung Stefan Puchers: Hier findet ein Machtkampf auf der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Otto will Sex, und Hilde will keinen. Und wenn so eine ganz alltägliche Verweigerung auch noch von einer ganzen Spiegelwand im Mansardenschlafzimmer reflektiert wird, sollte das für einen testosterongeplagten Möchtegerncowboy wie Otto umso peinlicher sein. Ist es aber natürlich nicht. Otto (Thomas Huber) kann sich zum Beispiel seelenruhig im Badezimmer über...
Einverständiges Raunen geht durch den Silbersee im Parkett der Repertoirevorstellung an einem Dienstagabend, wenn Lissie von der früheren Lachlust der alten Freunde erzählt: «Wahrscheinlich können wir uns heute wegen erhöhten Blutdrucks ein solch gewaltiges Gelächter gar nicht mehr leisten.»
Diese Lissie spielt Jutta Lampe, ihre Lebensfreundfeindin Insa wird von...
Es war im November 1619, kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs. René Descartes, ein 23-jähriger Offizier im Dienste der Armee Moritz von Oraniens, sitzt fest im Winterquartier in Neuburg bei Ulm. Wieder war ungewöhnlich viel Schnee gefallen – diese Periode langer, harter Winter in Mitteleuropa gilt später als «kleine Eiszeit» –, und nicht nur der...
