Empfindsame Reisen
Finanziell unabhängiger Bürgersohn, der einigen Wert auf sein Äußeres legt – gelbe Weste zum blauen Frack –, naturbegeistert und klassisch belesen, verliebt sich in verheiratete Frau und leidet so ausgiebig wie sehnsuchtsvoll, bis er sich umbringt. Goethes «Leiden des jungen Werther» lassen sich in einem Satz zusammenfassen, was den gefühlsbetrunkenen jungen Mann nicht dringender macht.
Anno 1771 mag der künstlerischintellektuell ambitionierte Dilettant für ein aufstrebendes Bürgertum noch einige Emanzipationsversprechen bereitgehalten haben, aber gegenwärtig entfaltet ein überhitzt selbstentzündeter Schwärmer wenig subversives Potential. Was tun?
Die Frage nach zeitgenössischen Anschlussmöglichkeiten haben Regisseurin Ewelina Marciniak und ihren Dramaturgen Jaroslaw Murawski auf die letzten Werther-Stunden geführt, der nämlich laut Goethe nach dem Schuss in die Stirn noch einige Stunden stöhnend gelebt und gelitten hat. Was mag in seinem fiebernd-halbzerstörten Gehirn da vorgegangen sein? In die per Video eingeblendete Rahmenhandlung zwischen Knall und klinischem Ende fügen sie ein gutes Dutzend Szenensplitter, Fantasie-Lösungen und assoziatives Material zum Themenkomplex Liebe, ...
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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Die extreme Gewalt, von der Hakim Bah in «Auf dem Rasen» erzählt, bleibt sonderbar verhüllt in Sprache. Dabei steht alles wortwörtlich drin in dem mitunter schwer zu ertragenden Text: Soldaten eines Schurkenregimes schlagen Demonstrantinnen tot, vergewaltigen sie mit Gewehrläufen, lassen sie in Containern verwesen oder schmeißen sie ins Meer. Aber mit jeder...
Genie ist die Kraft, sich unendlich Mühe zu geben», aber «sich Mühe geben allein nützt gar nichts». Zwischen den beiden Sentenzen aus Alexander Kluges filmischem Frühwerk «Ar -tisten in der Zirkuskuppel: ratlos» steckt das ganze verfluchte Dilemma der Kunst wie des Lebens. Doch zum Glück liefert der unentwegte Gedankenjongleur und Assoziationskünstler Kluge, der...
Nach ihren zwei ersten Theaterstücken veröffentlichte Elfriede Jelinek im Jahr 1983 in der Zeitschrift «Theater heute» eine kernige Absage an das Theater heute, mit der sie rücksichtslos an dessen Grundfesten rüttelt. Ihr Text «Ich möchte seicht sein» erzeugte bei den Bühnen schnell eine gewisse Gereiztheit. Denn für die Betroffenen, Regisseure, Schauspieler,...
