Empfindsame Reisen
Finanziell unabhängiger Bürgersohn, der einigen Wert auf sein Äußeres legt – gelbe Weste zum blauen Frack –, naturbegeistert und klassisch belesen, verliebt sich in verheiratete Frau und leidet so ausgiebig wie sehnsuchtsvoll, bis er sich umbringt. Goethes «Leiden des jungen Werther» lassen sich in einem Satz zusammenfassen, was den gefühlsbetrunkenen jungen Mann nicht dringender macht.
Anno 1771 mag der künstlerischintellektuell ambitionierte Dilettant für ein aufstrebendes Bürgertum noch einige Emanzipationsversprechen bereitgehalten haben, aber gegenwärtig entfaltet ein überhitzt selbstentzündeter Schwärmer wenig subversives Potential. Was tun?
Die Frage nach zeitgenössischen Anschlussmöglichkeiten haben Regisseurin Ewelina Marciniak und ihren Dramaturgen Jaroslaw Murawski auf die letzten Werther-Stunden geführt, der nämlich laut Goethe nach dem Schuss in die Stirn noch einige Stunden stöhnend gelebt und gelitten hat. Was mag in seinem fiebernd-halbzerstörten Gehirn da vorgegangen sein? In die per Video eingeblendete Rahmenhandlung zwischen Knall und klinischem Ende fügen sie ein gutes Dutzend Szenensplitter, Fantasie-Lösungen und assoziatives Material zum Themenkomplex Liebe, ...
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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Schenkeli. Mit großem Ernst verteidigt Karin Pfammatter die ausgebackenen Krapfen, die es in der Schweiz vor allem zur Fasnachtszeit gibt, gegen deutsche Kollegenignoranz. Sie sind das höchste der Gefühle! Man muss den Namen nur richtig aussprechen. Auch sonst ist alles entspannt bei diesem Frühstück, das sich die Performer:innen etwa zur Halbzeit des knapp...
Dann also doch. Am 34. Tag des Kriegs gegen die Ukraine hat Anna Netreb -ko von ihrem Hamburger Medienanwalt ein Statement veröffentlichen lassen, in dem sie immerhin den Krieg in der Ukraine als solchen benannt und verurteilt hat. Sie strebe mit ihrer Kunst «nur Frieden und Einigkeit an» und sei auch nicht mit «irgendeinem Führer Russlands verbunden». Nun ist...
Die Erinnyen sind durch. Total durch. Die Rachegöttinen schimpfen als dreifache Lucrecia über den scheiß mittelmäßigen deutschen Regen, scheißen auf den Mythos, scheißen auf die Mitte: «Alles wird von der Mitte zersetzt.» Scheiß Mythos Mitte. Und dann ist da noch das Problem mit der Rache. Das Konzept ist irgendwie am Arsch, keiner weiß, warum sie immer noch...
