Aus der Zeit gesungen
Niemand kann etwas für seine Lust. Aushalten muss man sie trotzdem, und das ist nicht immer leicht, vor allem wenn «Der Drang» quer zur gesellschaftlichen Konformität läuft oder nicht so richtig aus sich heraus kann – oder schlicht nicht auf Gegenliebe trifft. Friedhofsgärtner Otto, ein Prachtexemplar patriarchaler Selbstüberschätzung, hat sich eine kindlich-brutale Freude am Sexuellen bewahrt, während seine Ehefrau Hilde ihm zwar ihr Herz, aber weniger gern alles andere öffnet. Dazu ist die Angestellte Mitzi, warum auch immer, durchaus bereit.
Doch dann sorgt Hildes Bruder Fritz, ein eben aus dem Knast entlassener, medikamentös ruhiggestellter Ex -hibitionist, für eruptive Hitzewallungen in der Frustehe seiner Schwester. Und auch bei Mitzi geraten längst zugeschüttete Erwartungen lawinenartig ins Rutschen, sodass sich der nun seinerseits verfolgte Triebtäter nur knapp durch Vorspiegelung einer angeblich sadistischen Veranlagung aus der Liebesfalle retten kann.
Vor über einem halben Jahrhundert schrieb der junge Franz Xaver Kroetz noch ganz am Anfang seiner Dramatikerkarriere das Stück «Lieber Fritz», ein fulminant entgleisendes Zeit- und Sittenbild, das er 1994 unter dem ...
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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Silvia Stammen
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