Eins mit sich
Das ist also das allerletzte Abschiedswort. Zum endgültigen Ende von Joachim Lux 16 Jahre dauernder Intendanz am Hamburger Thalia Theater gibt es noch die Dramatisierung von Édouard Louis’ Roman «Anleitung, ein anderer zu werden» als Einpersonenstück auf der Nebenbühne der Nebenbühne (das Thalia in der Gaußstraße besitzt einen winzigen Spielort namens «Werkstatt», den man nur geführt durch die Katakomben des Hauses erreicht), inszeniert von der Regieassistentin Chiara Liotine. Ganz kleine Hütte. Und überraschenderweise passt das sehr gut zusammen.
«Anleitung, ein anderer zu werden» ist eine Variation von Louis’ autobiografischem Erfolgsroman «Das Ende von Eddy», der vor einigen Jahren ebenfalls am Thalia auf die Bühne kam: Beschrieben wird die Ablösung der jugendlichen Erzählerfigur von ihrer proletarischen Familie im strukturschwachen Nordfrankreich, ihr Coming out, ihr Eintritt in die Wissensgesellschaft und ihr sozialer Aufstieg. Aber etwas hat sich verändert: Louis’ Aufstieg ist nicht nur die Geschichte einer Befreiung, es wird auch deutlich, dass diese Veränderungen etwas mit dem Ignorieren der Klassenidentität zu tun haben, mit Verrat, auch mit Blindheit gegenüber einem ...
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Theater heute August-September 2025
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Falk Schreiber
Unsere Hoffnung gründet sich auf das Sportpublikum», bekennt Bertolt Brecht 1926 in seiner Schrift «Über den Untergang des alten Theaters». «Unser Auge schielt, verbergen wir es nicht, nach diesen ungeheuren Zementtöpfen, gefüllt mit 15.000 Menschen aller Klassen und Gesichtsschnitte, dem klügsten und fairsten Publikum der Welt.»
Vielleicht hatten die Kurator:innen...
Das Fleisch – ob Mensch, ob Tier – ist gleich. Fleisch, das ist die leitende Metapher in Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung von Brechts «Die Heilige Johanna der Schlachthöfe». Brecht hatte zunächst die Vorgänge an der Weizenbörse in Chicago im Auge, wechselte dann aber zur Büchsenfleischproduktion, der Metaphorik wegen: die kapitalistische Gesellschaft ein...
Das sind Sätze! «Ist das die Sehnsucht? Still! Jetzt zieht ein Choral durch meine Seele – wenn ich die Wörter nur verstehen würde, diese Silben aus einem anderen Reich, so könnten wir singen.» In solch romantisch klingende Bilder kleidet die abgehalfterte Baronin Ada Freifrau von Stetten in Ödön von Horváths «Zur schönen Aussicht» jenen Augenblick, da ihr die Felle...
