Einhorn im Wald
In russischen Lettern ziert Miftis T-Shirt das Wort «Nadryw», Kennern von Frank Castorfs «Karamasow»-Inszenierung wohlbekannt als unübersetzbares Schlüsselwort für einen Zustand im Grellgraubereich zwischen Schmerzextase und Überspanntheit.
Man muss Helene Hegemann keinen erneuten Plagiatsvorwurf daraus drehen, dass sie sich diesen Begriff aneignet: Er trifft einfach nur zu gut die Lage der 15-jährigen Protagonistin (angemessen angepisst und doch jederzeit lachbereit gespielt von Jasna Fritzi Bauer), die nach dem Tod ihrer Mutter mit zwei älteren Halbgeschwistern in einer Berliner Kreativ-WG zusammenhaust, sich in Koks- und Künstlerkreisen die Nächte um die Ohren haut, ein Affäre mit einer wesentlich älteren Frau hat und von ihrem Vater (Bernhard Schütz) zwar keine «Fürsorge», aber ein paar halbgare Gedanken zu Terrorismus und Karriere über den Abendbrottisch gereicht bekommt.
Natürlich soll diese Mifti kein Opfer sein. Also spannt Hegemann sie mit einer charismatischen Frauengang (Araceli Jover, Mavie Hörbiger und – als Halbschwester – Laura Tonke) zusammen, die mit Drogen, Sex und Durchblickersprüchen einem aggressiven Mädchen-Vitalismus frönen. Surreale Bilder (Einhorn im Wald, «Tot»-Spielende auf der Straße) brechen den glamourösen Bilderstrom, der noch einmal aus Leibeskräften die ach so anarchische Volksbühnenwelt abfeiert, sonst aber so recht noch keine eigene Idee zum Leben entwickeln mag.
Theater heute August/September 2017
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Eva Behrendt
Als polnischer Minister für Kultur und nationales Erbe hat man es wirklich nicht leicht. Seit Jahrhunderten bedrohen feindliche Mächte die nationale Einheit des Landes. Gleichzeitig ist der Olymp der legendären Widerstandskämpfer und Nationalhelden personell längst überlaufen, weshalb sich die zeitgenössischen nationalkonservativen Regierungsvertreter mit einer Nischenexistenz in der...
Eigentlich hatte sich die Teenagerin Emma für ein romantisches Date in der Eissporthalle präpariert. Nur leider fällt dem Date-Partner, «Peter aus der Zehnten», nichts Besseres ein, als abendfüllend auf die Leichenberge zu verweisen, die noch immer irgendwo unter dem Eis liegen: späte Opfer des Ceausescu-Regimes, die während der Aufstände Ende 1989 vom rumänischen Geheimdienst erschossen...
Ein Festivalsommer der Schlussappläuse: Florian Malzachers letzte «Impulse», Neues aus Avignon, wo Frank Castorf noch einmal Abschied feiert, und von der Ruhrtriennale, deren Intendant Johan Simons seine dritte und letzte Saison einläutet. Oben Simon Stones «Ibsen House» in Avignon, rechts Swoosh Lieus «who cares» bei Impulse.
Die Redaktion muss erstmal ausspannen und ist ab 28. August...
