Eine andere Zeitzone
Das ideale Ensemble erwacht um 5.19 Uhr bei Sonnenaufgangunter der Brücke, es hat mit einem Chor von Bürgern die Nacht verbracht, um die Räumung eines Obdachlosen zu verhindern. Das ideale Ensemble geht direkt auf die Probe und fühlt sich trotz der kurzen Nacht ausgeruht, es hat sich regelrecht erholt in der letzten Zeit und die Massenproduktion den neuen Märkten überlassen.
Es schlendert auf die Probe und schaut auf den Wunschspielplan, den tatsächlich alle Bürger dieser Stadt erstellt haben.
Der Spielplan hängt laminiert im Flur vor der Probebühne, daneben Fischli und Weiss: «how to work better»: 1. DO ONE THING AT A TIME, 2. KNOW THE PROBLEM, 3. LEARN TO LISTEN, 4. LEARN TO ASK QUESTIONS, 5. DISTINGUISH SENSE FROM NONSENSE, 6. ACCEPT CHANGE AS INEVITABLE, 7. ADMIT MISTAKES, 8. SAY IT SIMPLE, 9. BE CALM, 10. SMILE. Lächelnd betritt das Ensemble die Probebühne, in der Mitte des Raumes krabbeln Kinder umher, sie erziehen sich gegenseitig und rufen immerzu Theater, Theater und bauen Stuhlreihen für ein fiktionales Testpublikum auf. Taboris Hütehund umkreist die eigenwürdige Gemeinde.
Das Ensemble hat sich selbst ermächtigt: Das Wissen um hoch komplexe Organisationsprozesse ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Ensemble-Konsens, Seite 82
von Veit Merkle
Schon der Titel spendet wenig Trost. Er umarmt nicht, gibt keinen Halt, leitet nicht hinein in Emotionen, Identitäten, Welt. Stattdessen: Draufsicht. «3.31.93». Mehr nicht. Ein Zahlencode vielleicht, ein Datum möglicherweise, vor allem aber eine mathematische Formel für die Dramenkonstruktion: drei Teile mit jeweils 31 Szenen. Macht zusammen 93 Augenblicke. Fast...
«It’s not because I’m old
It’s not the life I led
I always liked it slow
That’s what my momma said»
Leonard Cohen
In Bremen höre ich das Nordwestradio, es ist neu aufgestellt, es war mal der Kultursender hier bei Radio Bremen. Jetzt soll er immer seichter und kommerzieller geworden sein, so sagt man hier in Bremen, ich finde das nicht, aber sie spielen immer noch...
Das 20. Jahrhundert ist zu Ende, doch an der Last dieses wirren Zeitalters tragen wir noch immer, an seinem Nachlass aus politischen und religiös-fundamentalistischen Ideologien, am Erbe von Kriegen, Revolutionen und Diktaturen, an mörderischer Gewalt und neuen globalen Gefahren. Die Epoche von Verdun und Stalingrad, Auschwitz und Gulag, Hiroshima und Tschernobyl...
