Ein Kuscheltier gegen die Welt
Neue Stücke? Zeitgenössische Dramatik? Was heißt heute «von heute»? Avishai Milstein beantwortet die Frage mit einem Zeithorizont von mehr als 100 Jahren. Sein «Play Auerbach!», ein Auftragswerk der Münchner Kammerspiele, spielt 2045 und blickt zurück auf die unmittelbare Nachkriegszeit einschließlich der zwölf verbrecherischen Jahre davor. Die Titelfigur Philipp Auerbach, der erste und letzte bayerische «Staatskommissar für rassisch, religiös und politische Verfolgte» in München, ist heute gründlich vergessen. Selbst Auschwitz-Überlebender, sollte er sich um über 300.
000 «displaced persons» kümmern, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in München sammelten, größtenteils Überlebende der Konzentrationslager, die vor den anrückenden russischen Truppen und Pogromen in ihrer osteuropäischen Heimat geflüchtet waren. Der so unkonventionelle wie effektive Auerbach geriet allerdings bald zwischen die Fronten der Nazi-Verdränger und Wiederaufbau-Bürokraten, wurde in einer Justizfarce von ehemaligen NS-Richtern wegen Betrugs verurteilt und beging 1952 Selbstmord.
Sein eigentliches Ziel blieb unerreicht: Die zumindest ökonomische Wiedergutmachung und Integration der Überlebenden und der Täter ...
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Theater heute Mai 2026
Rubrik: Best of, Seite 42
von Franz Wille
Paulina Alpen als Gregor Samsa macht jedes Käferkostüm überflüssig. Sie spielt’s einfach: biegt sich nach hinten in die Brücke und geht behände auf allen Vieren. Zieht den Kopf ein, nimmt einen Apfel zwischen die Hände und zermalmt ihn mit den Zähnen – mit gieriger, aber beharrlicher Gründlichkeit, wie man es etwa bei Rosenkäfern, die sich auf einer Doldenblüte...
Manchmal ist alles eine Frage der Optik. Wie diese Jacke, die sich Simon Werdelis umständlich anzieht. Erst über den einen Arm, dann über den anderen, ohne Handeinsatz, lediglich mit Wippen und Schaukeln des eigenen Körper. Das beige Jackett passt perfekt zu Hemd und Hose, doch kaum hat er es nach einigen Minuten wortlosem Körperspiel vor dem Eisernen Vorhang über...
Vom Jahrmarkt auf den Friedhof: Wo sich zu Stückbeginn im Landestheater Eisenach das jugendliche Ensemble noch im Büchsen -werfen übt und munter auf dem Karussell herumklettert, das Verena Hemmerlein als Szenenbild auf die Bühne gestellt hat, künden nach der Pause Grabsteine vom Tod von zwei der Protagonist:innen auf der Bühne. Von seiner Dramatik hat Frank...
