Dramatische Systeme
Man muss sich das Problem mit diesen arabischen Selbstmord-Terroristen ungefähr so vorstellen: Ein netter, gut aussehender blonder Junge mit einer ebenso netten, gut aussehenden blonden Freundin hat Ärger mit der Mama und Probleme, einen Praktikumsplatz zu bekommen. Dann trifft er im türkischen Bad ein paar in Saunatücher gehüllte Schauspieler des Maxim Gorki Theaters, die ihm etwas von islamischer Würde erzählen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
Schon ist er in London bei der Moslembrüderschaft in Finsbury Park, studiert Wirtschaftswissenschaften und spricht wie ein verbohrter Fundamentalist. Es folgt ein Ausbildungscamp in Afghanistan, die Rückkehr nach Europa, ein teurer Anzug wird gekauft, und fertig ist der fanatische Selbstmord-Attentäter. So betrachtet, muss jeder dankbar sein, dass nicht 90 Prozent der Berliner Jugendlichen mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch herumlaufen.
Lutz Hübner hat mit gefälliger Dialog-Routine das Material von ein paar Dutzend Zeitungsartikeln in 24 Szenen übertragen und mit der Nachdenklichkeit eines Schlagzeilen-Redakteurs alle anstehenden Fragen geklärt. Auch die Inszenierung von Volker Hesse fordert strenge Glaubenskraft. Denn ehe sich ...
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Marie Zimmermann Ein bisschen Gefühl und Ironie hat noch selten geschadet. Eine Floskel dafür, dass Kultur immer auf verschiedenen Zeitebenen spielt. Die Echtzeit des globalen Marktes, an dem wir angeblich alle teilhaben, heißt ja nur, dass man...
