Digitale Höhlen

Emre Akal «Hotel Pink Lulu»

Hotels – wir kennen sie als Durchgangsräume par excellence, Orte temporären Zuhauseseins, gleichzeitig in ihrer Blütezeit Embleme einer in der Selbstrepräsentanz zu sich gekommenen Gesellschaft. Emre Akal lädt uns in seinem neuen Stück in ein besonderes Exemplar der Gattung ein. Das digital-eskapistische «Hotel Pink Lulu» verspricht genau das zu sein: Durchgangsort für Krisenzeiten, betrieben von der «staatlichen Agentur für zeitliche Überbrückung».

 

Hier kommen von der Wirklichkeit exilierte Menschen in den je nach ihrer Sehnsucht gestalteten Räumen unter, inklusive Beschallung aus der individualisierten Sound-Bubble: norwegische Wohlfühlkaminflokatilandschaften, Schlaraffenräume mit Möbeln aus Nuss-Nougat-Schokolade und automatischer Sushizufuhr, aber auch eine syrische Pistazienfarm, wo die ganz authentische Erfahrung eines nahöstlichen Bürgerkriegsschicksals simuliert wird und die westliche Person sich endlich einmal auf der moralisch richtigen Seite des weltweiten Ausbeutungssystems wiederfinden darf. Das Ganze natürlich: elektronisch und digital, in perfekter sensorischer Simulation.

Ein unfertiges Stück

Das Versprechen des Hotels: Wunscherfüllung. Und zwar sofort. Über die ...

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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 142
von Georg Mellert

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