Digitale Höhlen
Hotels – wir kennen sie als Durchgangsräume par excellence, Orte temporären Zuhauseseins, gleichzeitig in ihrer Blütezeit Embleme einer in der Selbstrepräsentanz zu sich gekommenen Gesellschaft. Emre Akal lädt uns in seinem neuen Stück in ein besonderes Exemplar der Gattung ein. Das digital-eskapistische «Hotel Pink Lulu» verspricht genau das zu sein: Durchgangsort für Krisenzeiten, betrieben von der «staatlichen Agentur für zeitliche Überbrückung».
Hier kommen von der Wirklichkeit exilierte Menschen in den je nach ihrer Sehnsucht gestalteten Räumen unter, inklusive Beschallung aus der individualisierten Sound-Bubble: norwegische Wohlfühlkaminflokatilandschaften, Schlaraffenräume mit Möbeln aus Nuss-Nougat-Schokolade und automatischer Sushizufuhr, aber auch eine syrische Pistazienfarm, wo die ganz authentische Erfahrung eines nahöstlichen Bürgerkriegsschicksals simuliert wird und die westliche Person sich endlich einmal auf der moralisch richtigen Seite des weltweiten Ausbeutungssystems wiederfinden darf. Das Ganze natürlich: elektronisch und digital, in perfekter sensorischer Simulation.
Ein unfertiges Stück
Das Versprechen des Hotels: Wunscherfüllung. Und zwar sofort. Über die ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 142
von Georg Mellert
Wie schreiben über Vorgänge, deren zeitliche Dimension nicht abzusehen ist? An dieser Frage reiben sich alle Theatertexte über das Anthropozän, wie immer sie auch strukturiert sein mögen. Das alte Brecht-Problem, dass die komplexen Transaktionen des Finanzkapitalismus nicht mit einer dramatischen Struktur abzubilden sind, erscheint hier ungleich vervielfältigt...
Theater heute Wir wollen mit Ihnen über Identitätspolitik, Integration und Rassismus sprechen, die in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft, auch der weißen Mehrheitsgesellschaft angekommen sind als Debatte und Diskussion – auch im Theater. Sie kennen das Problemfeld aus den verschiedensten Perspektiven: Sie sind Soziologe, haben als Lehrer gearbeitet, waren im...
Im Jahr 1916 erscheint Franziska Gräfin zu Reventlows Buch «Der Geldkomplex». Es spielt in einem Setting, das wir von Thomas Manns acht Jahre später erschienenem «Zauberberg» gut kennen: einem Sanatorium. Reventlows Hauptfigur leidet, ähnlich wie die Autorin, an permanenter Geldknappheit. Nach neuestem medizinischen Wissensstand der Freudschen Psychoanalyse wird...
