Digitale Höhlen
Hotels – wir kennen sie als Durchgangsräume par excellence, Orte temporären Zuhauseseins, gleichzeitig in ihrer Blütezeit Embleme einer in der Selbstrepräsentanz zu sich gekommenen Gesellschaft. Emre Akal lädt uns in seinem neuen Stück in ein besonderes Exemplar der Gattung ein. Das digital-eskapistische «Hotel Pink Lulu» verspricht genau das zu sein: Durchgangsort für Krisenzeiten, betrieben von der «staatlichen Agentur für zeitliche Überbrückung».
Hier kommen von der Wirklichkeit exilierte Menschen in den je nach ihrer Sehnsucht gestalteten Räumen unter, inklusive Beschallung aus der individualisierten Sound-Bubble: norwegische Wohlfühlkaminflokatilandschaften, Schlaraffenräume mit Möbeln aus Nuss-Nougat-Schokolade und automatischer Sushizufuhr, aber auch eine syrische Pistazienfarm, wo die ganz authentische Erfahrung eines nahöstlichen Bürgerkriegsschicksals simuliert wird und die westliche Person sich endlich einmal auf der moralisch richtigen Seite des weltweiten Ausbeutungssystems wiederfinden darf. Das Ganze natürlich: elektronisch und digital, in perfekter sensorischer Simulation.
Ein unfertiges Stück
Das Versprechen des Hotels: Wunscherfüllung. Und zwar sofort. Über die ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 142
von Georg Mellert
Wie schreiben über Vorgänge, deren zeitliche Dimension nicht abzusehen ist? An dieser Frage reiben sich alle Theatertexte über das Anthropozän, wie immer sie auch strukturiert sein mögen. Das alte Brecht-Problem, dass die komplexen Transaktionen des Finanzkapitalismus nicht mit einer dramatischen Struktur abzubilden sind, erscheint hier ungleich vervielfältigt...
Gewerkschaftsarbeit, seien wir ehrlich, ist ein Wort, bei dessen staubigem Klang sich normalerweise Hustenreiz einstellt. So war es jedenfalls, bis Ende März Lisa Jopt in einem YouTube-Video sich und ihre «Modernisierungsagenda» den Mitgliedern der Genossenschaft deutscher Bühnenarbeiter:innen vorstellte: In vierzig sachlichen und doch unterhaltsamen Minuten...
Unruhig schleicht der Tänzer um die Bühne, wo Tänzerinnen und Tänzer ihre Kostüme aus den Kisten holen und das Bühnenbild langsam aufgebaut wird. Nervös und ungeduldig beobachtet er, wie das Ballett, eine Rekonstruktion von Jean Börlins «La création du monde» von 1923 für die Ballet Suédois in Paris choreografiert und uraufgeführt, vor ihm eingerichtet wird....
