Die zweigeteilte Stadtgesellschaft
Das Gespräch bezieht sich auf die Arbeit an dem Dossier zur Theaterarbeit in Ostdeutschland «Zukunft erproben» der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Therese Schmidt Sie leben und arbeiten in Görlitz, einer Grenzstadt im Osten Deutschlands. Nach dem Studium in Kassel sind Sie zurück nach Sachsen gegangen. War die Entscheidung, nach Görlitz zu ziehen, auch aus dem Gedanken heraus geboren: Wirken vor Ort?
Lukas Rietzschel Ja, total.
Natürlich war es auch mit einem gewissen Größenwahn verbunden, weil ich dachte: Wenn immer alle weggehen, dann muss man das auch mal umdrehen und zurückgehen. Alle Freunde sind in die Großstädte, idealerweise auch noch in die westdeutschen Großstädte gegangen. Das ist auch völlig normal. Aber die Frage ist ja: Warum kommt dann keiner mehr zurück? Warum bleiben die da? Es hat ja demografische Auswirkungen, dass alle, die unmittelbar nach der Wiedervereinigung gegangen sind, dort, wo sie jetzt sind, auch noch ihre Kinder bekommen und wahrscheinlich irgendwann in den nächsten Jahren auch noch Enkel. Es ist also nicht nur die eine Generation, die fehlt, es sind mehrere Generationen. Gehen und Bleiben ist ein Riesenthema. Das ist ein sich selbst verstärkendes Problem. ...
LUKAS RIETZSCHEL, geb. 1994 in Räckelwitz (Sachsen) spürte mit seinem ersten Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) dem Lebensgefühl zweier ostdeutscher Brüder nach und beobachtete deren schleichende Radikalisierung; der 2021 erschienene Roman «Raumfahrer» erzählt von entwurzelten Men- schen in Zeiten des Umbruchs. In Görlitz engagiert er sich zivilgesellschaftlich und arbeitet mit der Kunsthalle Görlitz an interdisziplinären und interkulturellen Begegnungen, Ausstellungen und Festivals. Am 20.1. kommt am Gerhart- Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau sein Auftragswerk «Das beispielhafte Leben des Samuel W.» zur Uraufführung.
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Akteure, Seite 31
von
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