Die Welt neu erfinden

Ein Gespräch mit dem designierten Intendanten der Berliner Volksbühne Matthias Lilienthal

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Theater heute Herzlichen Glückwunsch zur Intendanz der Berliner Volksbühne ab 2026/27! 
Matthias Lilienthal … und gleichzeitig herzliches Beileid! 

TH Sie gehörten in der Diskussion um die neue Leitung der Volksbühne nach dem Tod von René Pollesch zum engsten Kreis der Favo -riten.

Warum hat es jetzt doch so lange gedauert? 
Lilienthal Es hat mich nicht interessiert, eine Interimsintendanz zu übernehmen, der dann eine Berufungskommission einen Nachfolger vor die Nase setzt. 

TH Zwischendurch sollten Vegard Vinge und Ida Müller neues Intendant:innen-Duo werden und damit die Linie der Künstler:innen-Intendant:innen an der Volksbühne fortsetzen. 
Lilienthal Und nach deren Absage hat die Findungskommission die Bewerbungen vorgezogen. 

TH Mit welchem Konzept haben Sie sich beworben? 
Lilienthal Ich hatte ein dreiseitiges Konzept eingereicht und eine Stunde lang vorgetragen. Darin stand, dass ich stark mit internationalen Regisseur:innen, nämlich mit Florentina Holzinger, Marlene Monteiro Freitas, Giselle Vienne, Satoko Ichihara und Christopher Rüping arbeiten will, insgesamt sechs bis acht künstlerischen Positionen. Ich habe weiter die Frage über die Wichtigkeit von journalistischer Recherche und Theater aufgeworfen, gefordert, dass sich das Haus mehr für Diversität öffnet, und noch zwei konkrete Beispielprojekte ange -führt, eins davon: Ich spreche mit Stefan Kaegi über ein ostdeutsches Parlament, eine Arbeit, zu der noch eine wichtige ostdeutsche Bildende Künstlerin stoßen soll, deren Namen ich aber noch nicht nennen kann. 

TH Eben haben Sie sich selbst herzliches Beileid gewünscht. Was hat Sie motiviert, dieses aus vielen historischen und aktuellen Gründen schwierige Haus zu übernehmen? 
Lilienthal Ich denke, dass einiges von dem, was wir an den Münchner Kammerspielen während meiner Intendanz von 2015 bis 2020 angeschoben haben, noch nicht auserzählt ist. Und ich habe große sentimentale Erinnerungen an die Volksbühne in den 1990er Jahren und finde es ein wichtiges Theater. Gleichzeitig reizt mich, dass man an der Volksbühne immer Ausnahmeproduktionen machen muss. Also Produktionen, die die Welt oder Ästhetiken neu erfinden und nicht auf der regulären Klassiker-Schiene laufen. Dazu gehört ein offenes Publikum, das sich zu vielen Dingen verführen lässt. Und in einem Moment, an dem Stefan Kaegi, Florentina Holzinger, Łukasz Twarkowski Lust haben, an diesem Haus zu arbeiten, habe ich auch Lust, das mit ihnen zu organisieren. 

TH Es gab eine Phase, in der Ihnen vorgeworfen wurde, die Intendanz von Chris Dercon eingeleitet zu haben, die dann spektakulär gescheitert ist. Gibt es an der Volksbühne noch Bedenken gegen einen Intendanten Matthias Lilienthal? 
Lilienthal Erstens ist in der Substanz an diesen Vorwürfen nichts dran. Meine Beteiligung an der Intendantenfindung von Chris Dercon war minimal, auch wenn das die «Süddeutsche Zeitung» anders dargestellt hat. Und zweitens ist das der Schnee von vorgestern. Ich werde in der Presse und anderswo noch diverse Shitstorms an der Volksbühne abbekommen, aber das bin ich aus München inzwischen gewohnt.

TH Sie waren in den 1990er Jahren Chefdramaturg bei Frank Castorf. Das war eine heftige Umbruchszeit in Deutschland, in der sich die Volksbühne künstlerisch sehr klug positioniert hat. Auch heute sind wir politisch, gesellschaftlich wieder in einer starken Umbruchssituation – gibt es Verbindungen zwischen diesen Phasen? 
Lilienthal Natürlich beeinflussen mich Haltungen aus den 1990er Jahren bis heute, und ich wurde von Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Christoph Marthaler durchaus geprägt. Auf der anderen Seite ist die Generation von Holzinger, Freitas und anderer Künstler:innen zwischen 35 und 45 Jahren eine vollständig andere Welt. Natürlich könnte man angesichts der politischen Wirklichkeit des Landes in tiefe Depressionen verfallen, aber die Bedrohung etwa durch die AfD spornt mich eher an, mich dazu zu verhalten. Ich rechne damit, dass nach der Bundestagswahl die CDU/CSU über eine Koalition mit der AfD nachdenkt. Ich habe jedenfalls große Lust, dagegen zu polemisieren und freue mich, eine Institution zu leiten, mit der ich das tun kann. 

TH Welche Funktion hat das Artistic Board aus Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas denn konkret? 
Lilienthal Ich freue mich darauf, mit den beiden an einem Nachmittag im Monat große Linien für das Haus festzulegen. Tanz wird eine wichtige Rolle an der Volksbühne spielen. Gleichzeitig binde ich die beiden damit für regelmäßige Produktionen an das Haus. 

TH Das sind alles große Pläne. Die Volksbühne hat aber gerade mit einer Kürzung von zwei Millionen jährlicher Subvention das heftigste Sparpaket der Berliner Theater verordnet bekommen. Wie sind da die Perspektiven? 
Lilienthal Das sind meine schlaflosen Nächte. Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass das Schicksal von Kultursenator Joe Chialo eng mit dem meinen verbunden ist als die wichtigste Personalentscheidung seiner Amtszeit. Insofern freue ich mich, dass er sich vollständig zur Volksbühne bekennt.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille.


Theater heute März 2025
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille

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