Frei vom Staat
Unsere Zeiten sind beunruhigend. Öffnet sich die Welt dem Chaos? Niemand weiß derzeit so recht, wo es hingeht. Ein Stück, das diese ungemütliche Stimmung sehr treffend widerspiegelt, wurde jetzt im Kammertheater des Stuttgarter Schauspiels uraufgeführt: «Im Ferienlager» von Olga Bach – für fünf Darsteller:innen und einen Jugendchor mit vielen Gesangseinlagen. Ein Auftragswerk mit vielen Stuttgart-Bezügen.
Der Plot spielt in den 1920er Jahren: Luise jobbt in einem Ferienlager «an einem recht abgeschiedenen Örtchen» als Chorleiterin, um Jugendlichen die Zeit zu vertreiben. Sie zweifelt bald an der Harmlosigkeit der Institution, die sich mehr und mehr als sektenähnlich offenbart. Sie erfährt Gruseliges: Ihre Vorgängerin verschwand spurlos. Ein französischer Offizier wird ganz in der Nähe ermordet. Sie trifft im Camp auf Luis (Simon Löcker), einen alten Freund, der dort als Erzieher arbeitet – mit zweifelhafter Pädagogik: Erst schwadroniert er von naturnahem «Leben ohne Angst», dann am nächtlichen Lagerfeuer von schrecklichen Hexenprozessen, schließlich nötigt er die jungen Leute zu rituellen Leuchtstab-Prozessionen. Minuziös driftet eigentlich Gutmenschlich-Wohlmeinendes (Singen, ...
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Theater heute März 2025
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Verena Großkreutz
Kurz vor Schluss versuchen beide Berliner Inszenierungen noch etwas rumzureißen. In Georges Bizets «Carmen» in der Regie von Christian Weise wendet sich Lindy Larssons stolze Romni, gerade noch vor die Wahl gestellt, ihr freies Leben aufzugeben oder erstochen zu werden, direkt ans Publikum und ermutigt es mit Erfolg, selbst das Lied des Toreros Escamillo...
Wir» zu sagen, ist das, was mir gerade am Schwersten fällt. «Wir» als eine nicht weiter zu benennende Adresse dieses Textes, um zu wissen, an wen, an was, wohin ich mich wende, jetzt beim Sprechen. «Wir» als eine Art Anrufung, aber von wem oder was, «wir» als Hoffnung, an welches «wir» wende ich mich da überhaupt, falls «wir» überhaupt noch eine gültige Adresse...
Sandrine Zenner flitzt über die Bühne und stößt im Stakkato Zahlenkolonnen hervor. Über wie viel Geld deutsche Millionäre verfügen (über 3,2 Billionen Euro), wie viel Vermögen die reichsten 226 Deutschen haben (15-mal so viel wie die unteren 40 Millionen zusammen) und wie viele Millionäre es hierzulande gibt (mehr als Japan, Frankreich und Großbritannien zusammen)....
