Die Verwaltung des moralischen Mangels
Vier arme Teufel, aber nur eine Bank. Ein Bahnhof, aber kein Zug hält. Vierfache Armeteufelslust auf Nikotin. Aber nur eine Zigarette. Das ist Güllen im Dezember 2015, ein beliebiges Kaff, mit dorfüblichen Honoratioren als Platzhirschen. Bloß dass das Kaff aus widrigen Gründen vom Rest Europas abgekoppelt worden ist, die Honoratioren reichlich abgewetzt dreinblicken und sich mit Trainspotting begnügen, dem einzig sinnvollen Zeitvertreib in diesem Außenbezirk des ökonomischen und, wie sich herausstellt, auch des moralischen Mangels.
Für die Zigarette spendet der Polizist die Tabakkrümel, der Lehrer pult einen Filter aus dem Ohr, der Bürger Hofbauer hat noch einen Funken Feuer, und der Pfarrer muss Papier rausrücken, das dünne aus der Taschenbibel. «Altes oder Neues?», fragt er und reißt ein Blättchen aus dem Testament. Rauschware für die Bedürftigen.
Die vier armen Teufel wissen es nicht, aber das ist ein glücklicher Moment für Güllen. Mehr Glück liegt nicht drin in dieser Geschichte. Schon gar nicht, als «Der Besuch der alten Dame» naht und die Aussicht auf eine Milliarde Dollar den Zusammenhalt im Städtchen pulverisiert.
Korrumpierbare Gemeinwesen
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Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Stephan Reuter
Dortmund, der Ort des achten Mordes des NSU-Trios, ist ein geeigneter Ort für Elfriede Jelineks «Das schweigende Mädchen». Beate Zschäpe schweigt, Elfriede Jelinek lässt sprechen. Jelinek hat sich vom schweigenden Mädchen zur schreibwütigen Nobelpreisträgerin therapiert («Ich bin schweigsam wie das Mädchen, hahaha!»). Das passt.
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