Die Stille des Verstecks
Ich hocke wie Polonius hinterm Vorhang. Achte darauf, dass meine Schuhspitzen unsichtbar bleiben, der Vorhangspalt vollständig geschlossen, mein Atem ruhig. Hoffe ohnehin, dass der verborgene Körper sich nicht zu Wort meldet, durch Magenknurren, Niesen, Schluckauf. Dabei weiß mein Gegenüber, anders als Hamlet, dass jemand da ist. Um mein Leben muss ich nicht fürchten.
Oder? Wie bin ich hier hineingeraten, hinter die Gardine im Schlafzimmer einer Altbauwohnung im Frankfurter Westen? In diesen höchst privaten Raum, in dem keine theatrale Verabredung gültig ist, und in den mich doch das Theater gebracht hat?
«Nobody is there» heißt das neue Projekt des Künstler:innenduos Hofmann&Lindholm, das einzelne Zuschauer:innen – nach vorheriger Absprache – in Privatwohnungen versteckt, wo sie für dreißig Minuten zu Voyeur:innen oder besser: zu Zeug:innen des anderen, fremden Lebens werden. Eine Begegnung im Verborgenen, die sich nicht inszenieren lässt, auf die auch die Künstler:innen selbst nicht zugreifen können, in der scheinbar alles möglich ist. Ein ungeregelter Zwischenraum. Erschreckend, aufregend, vielversprechend. Was wird meine Gastgeberin – denn dass es eine Frau ist, glaube ich ...
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Theater heute November 2021
Rubrik: Magazin, Seite 58
von Esther Boldt
Würde nicht André Szymanski diesen Jakob spielen und das mit einer so überzeugend lässigen Ernsthaftigkeit, mit einem so nachdenklichen, ruhigen Ton, dann wäre man am Ende etwas verstimmt. Denn an den Schluss ihrer Inszenierung der «Jakobsbücher» setzt Ewelina Marciniak einen Kommentar, der den titelgebenden Helden wohl auf den Boden der feministischen Tatsachen...
Weder Seelenfrieden-Tee noch Putztherapie: Diesem Mann (Philippe Goos) ist nicht zu helfen. Er ist ein hektischer Hysteriker, ein dauernervöser Hypochonder, eine Drama-Queen, ein Herzinfarkt-Kandidat, eine Heulsuse. Er ist «Der eingebildete Kranke» aus Martin Heckmanns Molière-Überschreibung. Anne Lenk inszeniert das Stück – wie auch ihre zum Theatertreffen 2021...
Auf dem Weg von Berlin nach Mannheim kann sie in Weimar Halt machen und das Konzentrationslager oben auf dem Berg besuchen, das heute eine Gedenkstätte ist. In Mannheim angekommen stellt sie sich unter Umständen die Frage, warum sowohl das Weimarer als auch Mannheimer Theater auch nach 1945 unbedingt ein «National» im Titel tragen wollten. Schon klar, das hat mit...
