Die Stille des Verstecks
Ich hocke wie Polonius hinterm Vorhang. Achte darauf, dass meine Schuhspitzen unsichtbar bleiben, der Vorhangspalt vollständig geschlossen, mein Atem ruhig. Hoffe ohnehin, dass der verborgene Körper sich nicht zu Wort meldet, durch Magenknurren, Niesen, Schluckauf. Dabei weiß mein Gegenüber, anders als Hamlet, dass jemand da ist. Um mein Leben muss ich nicht fürchten.
Oder? Wie bin ich hier hineingeraten, hinter die Gardine im Schlafzimmer einer Altbauwohnung im Frankfurter Westen? In diesen höchst privaten Raum, in dem keine theatrale Verabredung gültig ist, und in den mich doch das Theater gebracht hat?
«Nobody is there» heißt das neue Projekt des Künstler:innenduos Hofmann&Lindholm, das einzelne Zuschauer:innen – nach vorheriger Absprache – in Privatwohnungen versteckt, wo sie für dreißig Minuten zu Voyeur:innen oder besser: zu Zeug:innen des anderen, fremden Lebens werden. Eine Begegnung im Verborgenen, die sich nicht inszenieren lässt, auf die auch die Künstler:innen selbst nicht zugreifen können, in der scheinbar alles möglich ist. Ein ungeregelter Zwischenraum. Erschreckend, aufregend, vielversprechend. Was wird meine Gastgeberin – denn dass es eine Frau ist, glaube ich ...
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Theater heute November 2021
Rubrik: Magazin, Seite 58
von Esther Boldt
Wie ein zerbrechliches Porzellanpüppchen steht sie da, diese Marquise von O. Steht auf der Bühne wie bestellt und nicht abgeholt. Fest klammert sie ihre Hände an ihren Reifrock, während drei eigenwillige Ladies katzenhaft um sie herumstreifen. Abfällig wissend erzählen sie die Kleistsche Novelle aus dem Jahre 1808, die Geschichte von «julietta marquise von...
Schwarze, geschlechtsneutrale Gewänder in nebeldüsterem, schwarzem Bühnenraum; nur ein dünner blauer Neonkreis – ein schmaler Sonnenrest? – hängt über der Bühne. Tastende Schritte einer eng zusammengedrängten Menschengruppe, die langsam, mit großen Pausen einzelne Wörter hervorstößt, von Mikroports hallig verstärkt. Irgendwann schleicht sich ein tiefes Brummen in...
Bei der Frage nach der Kostümbildnerin des Jahres hat sich Katrin Wolfermann schon mal in eine recht gute Position gebracht. Sandra Gerlings Gruschenka trägt in Oliver Frljics Inszenierung von Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein von Wolfermann entworfenes Kleid, irgendwo zwischen Trauerflor und Bondage-Geschirr, und als sie...
