Die Moderne im Rückspiegel
Ein Kraftwerk der Erinnerung: Geschlagene fünf pausenlose Stunden – es können je nach Vorstellung auch sechs oder sieben werden – sitzt Guido Lambrecht hochkonzentriert auf einem Bänkchen im Bühnenbild und spricht in sachlich referierendem Ton. Meist folgt seine Rede Michel Houellebecqs Roman «Serotonin», an einigen Stellen durchschossen mit eigenen biografischen Einsprengseln, aber in der dritten Person. Ein stereotypes «Der Junge …» leitet diese Einschübe ein, kein persönliches «ich» tritt auf und schiebt sich in den Vordergrund.
Gelegentlich steht Lambrecht auf und wendet sich mit dem Oberkörper etwas direkter in Richtung Publikum, ab und an ein Schluck Wasser zwischendurch, mehr passiert nicht. Dafür wurde er zum Schauspieler des Jahres 2026 gewählt.
Die monumentale Gedächtnisleistung verbindet ihn mit Florent-Claude Labroust, dessen geistige Kompassnadel ebenfalls streng Richtung Vergangenheit weist. Der ist – wie eigentlich alle Houellebecq-Romanhelden –, ein etwas antriebsschwacher Ich-Erzähler mit akademischem Hintergrund in einigermaßen gesicherten ökonomischen Verhältnissen, der langsam die Sinnbezüge zu seinem Leben verliert und zunehmend distanziert durch ein paar ...
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Theater heute Jahrbuch 2026
Rubrik: Höhepunkte des Jahres, Seite 36
von Franz Wille
Vorab: Ich schreibe dies aus Magdeburg im Juni. Im September werden Landtagswahlen stattfinden, seit gestern hängen Wahlplakate vor meinem Fenster. Die AfD wirbt mit «Abschieben ab Minute Eins», «Wieder stolz sein», «Das Land retten». Das scheint zu verfangen, sie steht aktuell bei über 40 Prozent und rechnet sich berechtigte Chance auf eine Alleinregierung aus....
1 Stück
2 Inszenierung, Performance/Dramaturgie
3 Bühnenbild, Video, Kostüme
4 Schauspielerin
5 Schauspieler
6 Gesamtleistung eines Theaters
7 Beste:r Nachwuchskünstler:in
8 Ärgerlichste Erfahrung des Jahres
Margarete Affenzeller
«Der Standard», Wien
1 Miriam Unterthiner «Blutbrot»
2 Regie: Florentina Holzinger, Florentina Holzinger «A Year without Summer»,...
In einer der komischsten Szenen in Jan-Christoph Gockels siebenstündiger «Wallenstein»-Inszenierung versuchen der Offizier Max Piccolomini und General Isolani von ihrem Kameraden, dem General Illo, abzulenken. Der hat nämlich gerade beim virilen Striptanz um Wallenstein seinen Penis verloren; Katharina Bach wälzt sich nun in einer Mischung aus Scham und Schmerz am...
