Die menschliche Konstante
Sie tragen Mundschutz. Auf einem Fernseher im Hintergrund laufen Corona-News. Aber noch sind die Theater offen und das Ganze eben nur ein Spiel – das fünf Tage später vorbei sein wird. Seit Mitte März dürfen die Theater in Berlin keine Zuschauer mehr empfangen: Corona-Zwangs-Pause. Doch das ist an diesem Abend im Deutschen Theater noch nicht klar. Keiner weiß, dass Kirill Serebrennikovs «Decamerone» die vorerst letzte Premiere hier sein wird.
Zwar sind die Foyergespräche geprägt vom Virus, aber irgendwie wähnen es wohl die meisten – auch die Autorin dieses Textes – noch weit genug weg. Der Zuschauerraum ist prall gefüllt. Abstand von mindestens anderthalb Metern? Den halten weder Publikum noch Schauspieler ein. Auf der Bühne wird sogar geküsst. Noch aber sind die Distanzierungsregeln auch nicht offiziell vorgeschrieben. In manchen Momenten fühlt es sich dennoch, vielleicht auch in der Rückschau, ein bisschen an wie am Vorabend der Apokalypse, dieses letzte Essen auf der Titanic, noch spielt das Piano.
Symbolcharakter bekommt die Inszenierung auch durch die Wahl des Stoffs. Serebrennikov hat sich vom Hauptwerk des italienischen Renaissance-Autors Giovanni Boccaccio inspirieren ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 40
von Kristin Becker
Eine «Tanz-Rap-Oper» hatte die Hamburger Choreografin Jessica Nupen geplant. «The Nose» nach Gogols «Die Nase»: rund 40 Beteiligte, eine eigene Komposition des kanadischen HipHop-Querdenkers Socalled, aufgeführt in der riesigen Halle K6 im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel. Eine Koproduktion von Kampnagel, Cape Town Opera und Staatstheater Wiesbaden, gefördert...
Der Humor darf nicht verloren gehen. Gerade wenn alles beklemmend wirkt. Wie in der Box des Deutschen Theaters Berlin an einem Freitag im März dieses Jahres. Man spielt «Zu der Zeit der Königinmutter» von Fiston Mwanza Mujila, ein nebulöses, flächiges Stück, das mit postkolonialistischer Grundierung von einer fiktiven «New Jersey Bar» erzählt und von den...
«Ich bin Nana», stellt sich Annick Choco vor. «Ich komme aus den Armenvierteln, um die Reichenviertel zu erobern. Genau wie der Cancan.» Und dann wird getanzt: Die Beine fliegen, die Röcke heben sich, das Fleisch wirbelt, und Matthieu Svetchine probt einen kurzen Lapdance auf dem Schoß einer freundlich irritierten Zuschauerin. «Galop infernal», unterlegt mit fetten...
