Die menschliche Konstante
Sie tragen Mundschutz. Auf einem Fernseher im Hintergrund laufen Corona-News. Aber noch sind die Theater offen und das Ganze eben nur ein Spiel – das fünf Tage später vorbei sein wird. Seit Mitte März dürfen die Theater in Berlin keine Zuschauer mehr empfangen: Corona-Zwangs-Pause. Doch das ist an diesem Abend im Deutschen Theater noch nicht klar. Keiner weiß, dass Kirill Serebrennikovs «Decamerone» die vorerst letzte Premiere hier sein wird.
Zwar sind die Foyergespräche geprägt vom Virus, aber irgendwie wähnen es wohl die meisten – auch die Autorin dieses Textes – noch weit genug weg. Der Zuschauerraum ist prall gefüllt. Abstand von mindestens anderthalb Metern? Den halten weder Publikum noch Schauspieler ein. Auf der Bühne wird sogar geküsst. Noch aber sind die Distanzierungsregeln auch nicht offiziell vorgeschrieben. In manchen Momenten fühlt es sich dennoch, vielleicht auch in der Rückschau, ein bisschen an wie am Vorabend der Apokalypse, dieses letzte Essen auf der Titanic, noch spielt das Piano.
Symbolcharakter bekommt die Inszenierung auch durch die Wahl des Stoffs. Serebrennikov hat sich vom Hauptwerk des italienischen Renaissance-Autors Giovanni Boccaccio inspirieren ...
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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 40
von Kristin Becker
Zwei Tage war das Virus, das 14 Tage später das (Theater-)Leben zum Erliegen brachte, schon in Deutschland unterwegs, als am 29. Februar am Hamburger Thalia Theater Yael Ronens «(R)Evolution» zur Uraufführung kam. Der Abend, inspiriert von den Gedankenspielen zu den disruptiven Einschnitten am Ende des Anthropozäns von Ronens israelischem Landsmann Yuval Noah...
Der Humor darf nicht verloren gehen. Gerade wenn alles beklemmend wirkt. Wie in der Box des Deutschen Theaters Berlin an einem Freitag im März dieses Jahres. Man spielt «Zu der Zeit der Königinmutter» von Fiston Mwanza Mujila, ein nebulöses, flächiges Stück, das mit postkolonialistischer Grundierung von einer fiktiven «New Jersey Bar» erzählt und von den...
Die 1980er Jahre waren glamourös. Männliche Popstars trugen Lidschatten und Lippenstift, ohne auf die Idee zu kommen, sich als genderfluid zu bezeichnen. Das Fernsehen, damals noch Leitmedium, warf einen Blick in die Welt der Superreichen. Wenn «Dallas» ab 1978 lief, drängte sich die ganze Familie, von der Oma bis zum Enkelkind, vor dem Bildschirm, schließlich...
