Die lange Nacht des Kritikers
Mit dem berüchtigten ersten Satz, dem voller Skrupel und Selbstzweifel hingeworfenen Einstieg in eine Kritik, hatte Günther Rühle noch nie ein Problem. So auch hier: «Auf einmal machte es RUMS.» Da ist man doch gleich mittendrin und außerdem noch neugierig. Was da gerumst hat, war aber nicht nur die Karosse seines Autos, sondern deutlich mehr. Denn Rühle musste im stolzen Alter von 95 Jahren endlich doch einsehen, dass sein Augenlicht unwiederbringlich verblasst und es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Leider nicht nur vom Autofahren, sondern von erheblich Lebenswichtigerem.
Die Welt verschwimmt in einem milchigen Nebel, statt langer Spaziergänge nur noch zweimal 1299 Schritte am Tag ums Karree. Wege sind nur noch zu erahnen, die jahrzehntelang gepflegte Bibliothek wird über Nacht nutzlos, die Backofen-Schalter werden zum Geheimnis, die 40 Jahre alte Braun-Stereoanlage ist bald nur noch ein technisches Rätsel, und der Fortschritt auch noch nicht so weit, wie er sollte: Die «Zauberbrille», die angeblich Text erkennen und als Sprache ausgeben kann, funktioniert nur nach eigenem Gutdünken. Damit wäre das Problem im innersten Höllenkreis für einen lebenslangen Zeitungsmann und Kritiker ...
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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Bücher, Seite 67
von Franz Wille
«Was interessiert mich Kohle?», heult Orgon leise verzweifelnd und wälzt sich voll Selbstmitleid auf dem Boden. Den Hausherrn in Molières «Tartuffe» hat es in Soeren Voimas Nachdichtung der unverwüstlichen Betrügerkomödie in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verschlagen, und ökonomisch steht er anfangs da, wo man in der guten alten sozialen Marktwirtschaft...
Verbraucherschützer raten: Vor Vertragsabschluss immer das Kleingedruckte lesen! Denn dort, in den AGB, stehen oft Sonderklauseln, verstecken sich Konditionen für Lieferfristen oder Reklamationen. Fortune, die Hauptfigur in Simon Stephens’ gleichnamigem Stück, hat dies versäumt. Zu eilig hat er Häkchen und Unterschrift unter den Vertrag gesetzt. Dabei hat die...
Es ist ein hübsches Gedankenexperiment, wie es schon John Lennon in seinem Song «Imagine» besungen hat: Eine Welt ohne Himmel und Hölle, ohne Religion und nationalstaatliche Grenzen, ohne Kriege, Hunger und Ungerechtigkeit. Kurzum: Eine Welt, nach der wir uns alle sehnen, die aber aufgrund von globaler Pandemie, rechtsnationalem Backlash und Klimakrise kaum...
