Die lange Nacht des Kritikers

Günther Rühle ist immer für eine Überraschung gut: In «Ein alter Mann wird älter» denkt er über sich selbst nach

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Mit dem berüchtigten ersten Satz, dem voller Skrupel und Selbstzweifel hingeworfenen Einstieg in eine Kritik, hatte Günther Rühle noch nie ein Problem. So auch hier: «Auf einmal machte es RUMS.» Da ist man doch gleich mittendrin und außerdem noch neugierig. Was da gerumst hat, war aber nicht nur die Karosse seines Autos, sondern deutlich mehr. Denn Rühle musste im stolzen Alter von 95 Jahren endlich doch einsehen, dass sein Augenlicht unwiederbringlich verblasst und es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Leider nicht nur vom Autofahren, sondern von erheblich Lebenswichtigerem.

 

Die Welt verschwimmt in einem milchigen Nebel, statt langer Spaziergänge nur noch zweimal 1299 Schritte am Tag ums Karree. Wege sind nur noch zu erahnen, die jahrzehntelang gepflegte Bibliothek wird über Nacht nutzlos, die Backofen-Schalter werden zum Geheimnis, die 40 Jahre alte Braun-Stereoanlage ist bald nur noch ein technisches Rätsel, und der Fortschritt auch noch nicht so weit, wie er sollte: Die «Zauberbrille», die angeblich Text erkennen und als Sprache ausgeben kann, funktioniert nur nach eigenem Gutdünken. Damit wäre das Problem im innersten Höllenkreis für einen lebenslangen Zeitungsmann und Kritiker ...

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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Bücher, Seite 67
von Franz Wille

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