Die lange Nacht des Kritikers

Günther Rühle ist immer für eine Überraschung gut: In «Ein alter Mann wird älter» denkt er über sich selbst nach

Theater heute - Logo

Mit dem berüchtigten ersten Satz, dem voller Skrupel und Selbstzweifel hingeworfenen Einstieg in eine Kritik, hatte Günther Rühle noch nie ein Problem. So auch hier: «Auf einmal machte es RUMS.» Da ist man doch gleich mittendrin und außerdem noch neugierig. Was da gerumst hat, war aber nicht nur die Karosse seines Autos, sondern deutlich mehr. Denn Rühle musste im stolzen Alter von 95 Jahren endlich doch einsehen, dass sein Augenlicht unwiederbringlich verblasst und es Zeit wird, Abschied zu nehmen. Leider nicht nur vom Autofahren, sondern von erheblich Lebenswichtigerem.

 

Die Welt verschwimmt in einem milchigen Nebel, statt langer Spaziergänge nur noch zweimal 1299 Schritte am Tag ums Karree. Wege sind nur noch zu erahnen, die jahrzehntelang gepflegte Bibliothek wird über Nacht nutzlos, die Backofen-Schalter werden zum Geheimnis, die 40 Jahre alte Braun-Stereoanlage ist bald nur noch ein technisches Rätsel, und der Fortschritt auch noch nicht so weit, wie er sollte: Die «Zauberbrille», die angeblich Text erkennen und als Sprache ausgeben kann, funktioniert nur nach eigenem Gutdünken. Damit wäre das Problem im innersten Höllenkreis für einen lebenslangen Zeitungsmann und Kritiker ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Bücher, Seite 67
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Ziemlich beste Recherchegringos

Eines muss man den Putins, Lukaschenkos und Erdogans dieser Welt lassen: Sie vergiften Oppositionelle derart öffentlichkeitswirksam oder sperren sie derart sichtbar weg, dass die ganze Welt es mitbekommt. In Lateinamerika ist das seit den dunklen Jahren der Militärdiktaturen in Ländern wie Chile, Argentinien und Brasilien etwas anders. Dort ließ und lässt man...

Unheilbar dem Leben verpflichtet

Lakonisch plakatieren die Bühnenarbeiter zu Beginn der Inszenierung einzelne Papierbahnen zum Prospekt. Die Fotografie fixiert einen nackten Mann im Moment des Sprungs, allein auf einer sonnigen Dachterrasse. Seine Arme umfassen die angewinkelten Beine, das lange pechschwarze Haar verhüllt sein Gesicht und steht steil in der Luft, aller Schwerkraft zum Trotz. Die...

Im eigenen Film

Verbraucherschützer raten: Vor Vertragsabschluss immer das Kleingedruckte lesen! Denn dort, in den AGB, stehen oft Sonderklauseln, verstecken sich Konditionen für Lieferfristen oder Reklamationen. Fortune, die Hauptfigur in Simon Stephens’ gleichnamigem Stück, hat dies versäumt. Zu eilig hat er Häkchen und Unterschrift unter den Vertrag gesetzt. Dabei hat die...