Die Kunst der Wunde
BEVOR WIR ANFANGEN ZU SCHNEIDEN & SCHLAGEN, geneigte Leser*innenschaft, es gilt: Jede Einzelne, jeder Einzelne von uns ist zum Teil aufgrund der sozialen Verwundbarkeit unserer Körper politisch verfasst – als ein Ort des Begehrens und der physischen Verwundbarkeit, als Ort einer öffentlichen Aufmerksamkeit, der durch Selbstbehauptung und Ungeschütztheit zugleich charakterisiert ist.
Verlust und Verletzbarkeit ergeben sich daraus, dass wir sozial verfasste Körper sind: An andere gebunden und gefährdet, diese Bindungen zu verlieren, ungeschützt gegenüber anderen und durch Gewalt gefährdet aufgrund dieser Ungeschütztheit. Eine Verletzbarkeit muss wahrgenommen werden, um in einer ethischen Begegnung eine Rolle zu spielen.
J. Butler
Sieben der Sphäre des Krankenhauses zuzuordnende Sprachsprechinstanzen stehen auf einem enormen Felsbrocken, der den Raum okkupiert. Der Fels atmet vermutlich. Dann und wann ist man sich sicher unsicher, ob der Fels atmet. Alle sind Pflegefachkräfte, Raumpfleger:innen, (Ober-unter-über)Ärztinnen usw., eignen sich jederzeit andere Funktionen an, es wimmelt nur so von Expertise, ein wenig sind wir im Internetz.
FELS I – Puls der Petrifikation – ALLE
Atmet ...
KATJA BRUNNER, geboren 1991 in Zürich, studierte Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel/Bienne und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Mit dem Stück «von den beinen zu kurz» gewann sie 2013 den Mülheimer Dramatikpreis, seither sind sechs weitere Stücke, Auftragswerke und Überschreibungen entstanden, zuletzt wurde «Kunst der Wunde» am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Katja Brunner war und ist außerdem Gastdozentin am Leipziger und am Bieler Literaturinstitut.
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Theater heute 7 2022
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Katja Brunner
Und da beim Lesen all der Stücke, beim Diskutieren da - rüber in den Jurysitzungen mit Julischka Eichel und Christiane Rösinger, im Austausch mit dem Haus, mit Bernd Isele und Franziska Trinkaus, mit Claus Caesar und Ulrich Khuon, und dann beim Nachdenken da -rüber, was ich denn hier zu der Eröffnung der Autor:innentheatertage 2022 sagen könnte, immer wieder...
Schon bemerkenswert: Gut 180 Jahre lang kümmert sich mehr oder weniger niemand hierzulande um diesen Text. Und kaum behandelt ihn die «FAZ» in der Reihe «Spielplan-Änderung!» als eines der «Stücke, die das Theater braucht», da setzt geradezu ein Wettrennen ein: 2019 erschien besagter Zeitungsbericht, im März 2021 sollte es in Karlsruhe die deutsche Erstaufführung...
Es gibt diesen einen kurzen Moment. Da berichtet Laura Uhlig von einem auffälligen Knoten, der bei ihr festgestellt wurde und dann glück -licherweise eine harmlose Vernarbung war. Da erzählt Jonas Anders in einem Halbsatz von seiner Krebserkrankung vor zwei Jahren und seiner seither immer währenden Angst vor jeder Nachsorgeuntersuchung. Und da spricht Günter...
